umwelt-online: Wissenschaftliche Begründung für eine neu in die Anlage zur BKV aufzunehmende Berufskrankheit (3)
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Tabelle 8 : Leukämierisiko und Benzolexposition nach Glass et al. (2003, 2005) basierend auf 33 Fällen und 165 Kontrollen
| ppmyears | OR | 95 %-CI | ppmyears | OR | 95 %-CI | OR1 | 95 %-CI |
| <1 | 1 | ||||||
| > 1-2 | 3,9 | 0,9-17,1 | <2 | 1 | 1 | ||
| > 2-4 | 6,1 | 1,4-26,0 | > 2-4 | 2,89 | 0,97-8,53 | 3,07 | 1,02-9,28 |
| > 4-8 | 2,4 | 0,4-13,6 | > 4-8 | 1,17 | 0,27-4,98 | 1,22 | 0,28-5,22 |
| > 8-16 | 5,9 | 1,3-27,0 | > 8-16 | 3,11 | 0,91-10,56 | 2,68 | 0,71-10,08 |
| > 16 | 98,2 | 8,8-1090 | > 16 | 51,88 | 5,64-477 | 7,79 | 2,34-25,89 |
| 1) unter Einrechnung der highexposure events, d. h. von gelegentlichen aber hohen Expositionen (z.B. Waschen von Overalls in Benzin) s. S. 26 linke Spalte 2005.
Die Wahl der Basiskategorie <2 für die Reanalyse wurde gewählt, da die absolute Differenz der Exposition zwischen den beiden unteren Kategorien gering war und man durch die Zusammenfassung dieser beiden Klassen eine stärker besetzte Referenzkategorie erhielt, s. S. 26 linke Spalte 2005. | |||||||
So ergeben sich ab einer kumulativen Benzolbelastung von über einem ppm-Jahr deutlich erhöhte Odds Ratios für die 33 Leukämien (ICD-9 204-208). Es sei jedoch noch einmal darauf hingewiesen, dass sich unter den 33 Leukämien insgesamt 16 Subentitäten befinden (11 CLL, zwei ALL, eine Haarzell-Leukämie und zwei unspezifische lymphozytäre Leukämien), die sämtlich den NHL zuzurechnen sind. Wird die kumulative Benzolexposition als kontinuierliche Variable betrachtet, ergibt sich ein Odds Ratio von 1,65 (Cl 95 % 1,25-2,17), das mit jeder Verdoppelung der mittleren kumulativen Exposition konsistent um 65 Prozent anstieg.
Die Ergebnisse der Analyse von Dosis-Wirkungsbeziehungen für die Leukämietypen akute nichtlymphatische Leukämie (ANLL), chronische lymphatische Leukämie (CLL) und chronische myeloische Leukämie (CML) sind in Tabelle 9 angegeben. Gegenüber der Referenzkategorie (<4 ppm-Jahre) waren für ANLL und CLL die Odds Ratios bei einer kumulativen Benzoldosis von > 8 ppm-Jahren deutlich erhöht.
Die eingebettete Fall-Kontroll-Studie ergab ohne die Berücksichtigung von Induktionszeiten keinen Zusammenhang zwischen Benzolexposition und dem Multiplen Myelom. Sie korrelierte damit nicht mit dem im Verlauf der Kohortenstudie unter den Männern erhöhten Inzidenzverhältnis von SIR = 1,9 (CI 95 % 1,0 - 3,3). Mit Ausnahme der zu den B-Zell-Lymphomen zählenden chronischen lymphatischen Leukämie war auch für die übrige Gruppe der Non-Hodgkin-Lymphome keine signifikante Assoziation mit der Benzolexposition nachweisbar.
Fasst man die 15 "NHL" und die 31 MM zu einer Gruppe von insgesamt 46 Fällen zusammen, so stellt man fest, dass unter den Kontrollen 257 von 395 also rund 65 Prozent ppm-Jahre > 1 aufweisen und somit exponiert sind und berücksichtigt man das Verhältnis von Kontrollen zu Fällen von 5:1, so beträgt die Power bei einer Dichotomisierung der ppm-Jahre in < 1 (nicht exponiert) und > 1 (exponiert) nur rund 50 Prozent. Es ist also nicht verwunderlich, dass man die Risikoverdoppelung unter diesen Gegebenheiten nicht nachweisen kann. Das negative Ergebnis ist als nicht informativ zu werten. Der geringen Power steht nicht entgegen, dass man bei den 33 Leukämien oder den elf ANLL signifikante Risikoerhöhungen trotz kleiner Fallzahl gefunden hat.
Tabelle 9 : Beziehungen zwischen Leukämietyp und kumulativer Benzolexposition * (Glass et al. 2003)
| Kumulative Benzolexposition (ppm-Jahre) | Odds Ratios nach Leukämietyp | ||
| ANLL (N = 11) | CLL (N = 11) | CML (N = 6) | |
| <4 (Referenzkategorie) | 1,0 | 1,0 | 1,0 |
| > 4 - 8 | 0,52 (0,05-5,0) | 2,76 (0,42-18,1) | - |
| > 8 | 7,17 (1,27-40,4) | 4,52 (0,89-22,9) | 0,91 (0,08-9,8) |
| *) nach konditionaler logistischer Regressionsanalyse ANLL, akute nichtlymphatische Leukämie; CLL, chronische lymphatische Leukämie; CML, chronische myeloische Leukämie. | |||
Ferner darf nicht übersehen werden, dass, obwohl die eingebettete Fall-Kontroll-Studie den Bereich der kumulativen Benzolexposition unterhalb von 16 ppm-Jahren differenziert betrachtet, die als Referenz verwendeten kumulativen Benzolexpositionen von <1 ppm-Jahr bzw. <4 ppm-Jahren aus toxikologischer Sicht bereits eine erhebliche Belastung darstellen und ein kanzerogenes Risiko einschließen. Von den Autoren selbst wird darauf verwiesen, dass keine Evidenz für einen Grenzwert der kumulativen Exposition gefunden wurde, bei dessen Unterschreitung kein Risiko besteht.
Schlussfolgerungen
Die deutlichsten Dosis-Wirkungsbeziehungen ergeben sich für die Leukämien (Tabellen 5, 6, 7 und 8), wobei in der Tabelle 8 sich unter den Leukämien auch Entitäten befinden, die zum NHL zu rechnen sind. Für das NHL (Ausnahme die CLL; Tabelle 9) und MM sind keine so ausgeprägten Dosis-Wirkungsbeziehungen wie für die Leukämien zu erkennen. Es gibt jedoch Hinweise dafür, dass das Multiple Myelom (Silver et al. 2002, Collins et al. 2003) und die Non-Hodgkin-Lymphome (Hayes et al. 2001) längere Latenzzeiten erfordern als die akuten nichtlymphatischen Leukämien oder das myelodysplastische Syndrom.
| Für die Bewertung betrachtete Kohortenstudien Zeitraum 1966-2005 | Anlage A |
| Koh. Nr. | Personen | Followup | Autor | Betrieb |
| 1 | 6 678 | 1964-72 | McMichael et al. 1974 | Reifenproduktion / USA |
| 2 | 6 533 | 1964-78 | Delzell und Monson 1984 | Reifenproduktion / USA |
| 3 | 1 717 1 291 | 1940-87 1950-96 | Paxton et al. 1994; Crump 1996; Rinsky et al. 2002 | Gummi-Hydrochlorid Pliofilm Kohorte / USA |
| 4 | 956 | 1940-82 | Ott et al. 1978; Bond et al. 1986 | Dow Chemical / USA |
| 5 | 34.569 | 1951-89 | Rushton 1993c | Raffinerie / England |
| 6 | 23.306 | 1951-89 | Rushton 1993a-c | Tanklagerarbeiter / England |
| 7 | 15.095 | 1937-77 | Wen et al. 1983 | Raffinerie Gulf Oil / USA |
| 8 | 19.077 | 1947-77 | Divine et al. 1985; Divine and Barron 1987 | Raffinerie Texaco / USA |
| 9 | 25.321 | 1970-82 | Hanis et al. 1985a, b | Mineralölverarbeitung Exxon / USA |
| 10 | 1973-82 | McCraw et al. 1985; Honda et al. 1995 | Mineralölverarbeitung / USA | |
| 11 | 5 017 | 1939-82 | Pippard und Acheson 1985 | Schuhmacher / England |
| 12 | 13.397 | 1950-80 | Wong et al. 1986; Dagg et al. 1992 | Raffinerie Chevron / USA |
| 13 | 11.098 | 1946-80 | Divine and Barron 1987 | Pipelinearbeiter Texaco / USA |
| 14 | 4 172 7 676 | 1946-91 1946-77 | Ireland et al. 1997 Wong 1987 a, b | Chemiearbeiter / USA |
| 15 | 74.828 | 1972-87 | Yin et al. 1987 a, b; Hayes et al. 1997 | Industriearbeiter/innen / China |
| 16 | 4 849 | 1945-84 | Bender et al. 1989 | Straßenreparaturarbeiter / USA |
| 17 | 1 595 | 1949-91 | Bertazzi et al. 1989; Consonni et al. 1999 | Raffinerie / Italien |
| 18 | 1 008 | 1950-90 | Paci et al. 1989; Fu et al. 1996 | Schuhmacher / Italien |
| 19 | 13.250 | 1964-86 | Arnetz et al. 1991 | Petrochemie / USA |
| 20 | 15.000 | 1981-89 | Christie et al. 1991a, b | Mineralölindustrie / Australien |
| 21 | 6 831 | 1948-83 | Marsh et al. 1991 | Raffinerie und Chemie / USA |
| 22 | 2 865 | 1917-89 | Giles et al. 1993 | Feuerwehr / Australien |
| 23 | 6 672 | 1964-83 | Schnatter et al. 1993 | Vertrieb Erdölprodukte / Kanada |
| 24 | 4 585 | 1973-89 | Tsai et al. 1993 | Mineralölindustrie / USA |
| 25 | 5 414 | 1950-89 | Aronson et al. 1994 | Feuerwehr / Kanada |
| 26 | 2 447 | 1944-89 | Demers et al. 1994 | Feuerwehr / USA |
| 27 | 2 665 | 1980-92 | Lagorio et al. 1994 | Tankwarte / Italien |
| 28 | 15.499 | 1981-91 | Weiland und Keil 1995 | Kautschukindustrie / Deutschland |
| 29 | 18.969 | 1970-89 | Lynge et al. 1997 | Tankwarte / Skandinavien |
| 30 | 4 352 | 1940-77 | Collins et al. 2003 | Chemiearbeiter / USA |
| 31 | 5 514 | 1968-02 | Sorahan et al. 2005 | Benzolexponierte Arbeiter verschiedener Branchen / England und Wales |
3. Abgrenzung der "bestimmten Personengruppe" gemäß § 9 (1) SGB VII
3.1 Grundsätzliches
Bei Benzol handelt es sich um eine ubiquitäre Verbindung, deren Vorkommen insbesondere in Kraftstoffen und anderen Mineralölprodukten zu einer unvermeidlichen Belastung der Allgemeinbevölkerung führt. Daher ist es erforderlich, die Abgrenzung der "bestimmten Personengruppe" aufgrund quantitativer Maße und Kenntnisse über Dosis-Wirkungsbeziehungen vorzunehmen.
Toxische Wirkungen treten bereits bei Expositionskonzentrationen unterhalb 1 ppm Benzol auf, wobei in erster Linie die Lymphozyten im Sinne eines immuntoxischen Effekts betroffen sind (Lan et al. 2004, 2005).
Während die Feststellung des Kausalzusammenhangs bei reversible toxischen Effekten durch Beobachtung des Krankheitsverlaufs nach Expositionsende in der Regel unproblematisch ist, ist dies bei irreversiblen Schädigungen (aplastische Anämie) und malignen Erkrankungen weitaus schwieriger.
Wie oben ausführlich dargestellt, belegen einige epidemiologische Studien die Kausalbeziehung zwischen einer beruflichen Benzolexposition und diversen malignen Erkrankungen des blutbildenden und lymphatischen Systems. Die Ableitung einer "Dosisgrenze" zur Abgrenzung der "bestimmten Personengruppe" stellt jedoch weitaus höhere Anforderungen an die Datendichte als eine rein qualitative Aussage zur Frage des generellen Zusammenhangs. Im Rahmen der australischen Health Watch Kohortenstudie (Glass et al. 2003, 2005) wurden nach bestem verfügbaren Wissen und entsprechend dem Stand der Wissenschaft Abschätzungen der Dosiswerte vorgenommen. Daher hat diese Studie eine gewisse Sonderstellung als Basis für die Ableitung einer Dosishöhe. Zudem unterliegt sie als inzidenzbasierte Untersuchung nicht der Problematik der sehr unterschiedlichen Überlebensraten der diversen malignen Erkrankungen des blutbildenden und lymphatischen Systems. Unter den übrigen inzidenzbasierten Studien bietet die China-Kohortenstudie (Hayes et al. 1997) aufgrund ihres Umfangs (mehr als 70.000 exponierte Beschäftigte) einige wertvolle ergänzende Informationen, obwohl die Expositionsermittlung bei weitem nicht die Qualität der australischen Untersuchung erreicht. Hingegen ist die Pliofilm-Kohortenstudie (OEHHA 2003, Rinsky 2002) vor allem wertvoll für qualitative Aussagen, da die Beschäftigten in der untersuchten Kohorte fast ausschließlich gegen Benzol und nur geringfügig gegen andere Chemikalien exponiert waren. Für eine Abgrenzung der "bestimmten Personengruppe" anhand der Dosis ist die Pliofilm-Untersuchung jedoch problematisch. Zum einen handelt es sich um eine Mortalitätsstudie, welche die lymphatischen Erkrankungen mit niedriger Letalität unzureichend erfasst; zum anderen erfolgten die wenigen Konzentrationsmssungen zur Expositionsermittlung vor der Mitte des 20. Jahrhunderts und sind nach heutigen Maßstäben der Analytik unzureichend belastbar.
Wie im Abschnitt 2.2 dieser wissenschaftlichen Begründung dargelegt, ist eine in jeder Hinsicht belastbare Ableitung einer Grenzdosis für die Benzolwirkungen nicht möglich. Die folgenden Überlegungen auf der Basis der aktuell bestverfügbaren Datenlage haben daher ausschließlich orientierenden Charakter.
In den Schlussfolgerungen des Abschnitts 2.2 zur Epidemiologie wurde zusammengefasst (siehe oben), dass nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand von einer Verursachungswahrscheinlichkeit über 50 Prozent ab einem Bereich von zehn ppm-Benzoljahren für Leukämien nach der WHO-Definition auszugehen ist (Tabellen 7, 8 und 9). Diese Feststellung umfasst ferner die chronische lymphatische Leukämie (CLL), obwohl sie nach hämatologischen und molekularbiologischen Gesichtspunkten heute gemäß der WHO-Klassifikation zu den peripheren Non-Hodgkin-Lymphomen gerechnet wird, denn die australische Health Watch Kohortenstudie (Glass et al. 2003) belegt für diese spezielle Krankheitsentität eine Risikoerhöhung um das 2,76-fache bereits bei einer Benzoldosis von vier bis acht ppm-Jahren (siehe Tabelle 9). Ebenfalls einzubeziehen sind die aplastische Anämie und die myelodysplastischen Syndrome (MDS), da diese nach heutiger Erkenntnis Vor- und Frühstadien der akuten myeloischen Leukämie (AML) bzw. akuten nichtlymphatischen Leukämie (ANLL) darstellen und somit in vielen Studien mit den Leukämien zusammengefasst wurden. Die Einbeziehung gilt dagegen nicht für die chronisch myeloische Leukämie (CML) (siehe nächster Absatz).
Für die übrigen Erkrankungen des blutbildenden und lymphatischen Systems, die aufgrund ihrer Seltenheit keine epidemiologiebasierte orientierende Abschätzung einer Abgrenzung ermöglichen (übrige Non-Hodgkin-Lymphome außer CLL, Myeloproliferative Erkrankungen), ist eine Einzelfallbetrachtung der Expositionsbedingungen erforderlich. Die Entschädigungsfähigkeit dieser Erkrankungen ist dabei wegen des generellen Kausalzusammenhangs zu bejahen. Aufgrund der Vulnerabilität und Proliferation der hämatopoetischen Stammzellen ist davon auszugehen, dass stammzellennahe Non-Hodgkin-Lymphome hinsichtlich des Risikobereichs nicht anders zu beurteilen wären als die Leukämien. Für die sonstigen Krankheitsbilder siehe die epidemiologischen Hinweise in den Tabellen 6 und 7.
Es erfolgt im Abschnitt 3.3 eine gesonderte Empfehlung des ärztlichen Sachverständigenbeirats für die Bewertung der Einzelfälle von Erkrankungen mit unzureichender epidemiologischer Datenlage.
Das Multiple Myelom (MM), auch als Plasmozytom bezeichnet, nimmt eine Sonderstellung unter den Non-Hodgkin-Lymphomen ein. Hierbei handelt es sich um eine Tumorform, deren Zellen in enger Beziehung zum blutbildenden Knochenmark stehen und den dort vorliegenden toxikologischen Bedingungen unterliegen; die Krankheitserscheinungen sind dementsprechend auch in erster Linie im Knochenmark lokalisiert. Aus den genannten toxikologischhämatologischen Gründen könnte überlegt werden, das Multiple Myelom in diese Bewertungsgruppe des Abschnitts 3.2 einzubeziehen. Allerdings gestaltet sich die Epidemiologie des Multiplen Myeloms wegen der Seltenheit dieser Erkrankung und der langen Latenzzeit sehr schwierig (siehe Abschnitt 1.3.3), zudem scheint es ethnische Unterschiede zu geben: Multiple Myelome wurden von Hayes et al. (1997) zur Chinakohorte nicht berichtet, dagegen zeigen die in Nordamerika durchgeführten Studien eine mehrfache Risikoerhöhung an (siehe Tabelle 1). In Anbetracht der heterogenen Datenlage wird daher auch das Multiple Myelom (Plasmozytom) im Abschnitt 3.3 behandelt.
In der Einzelfallbeurteilung ist wegen des Fehlens belastbarer Messdaten und der erheblichen Bedeutung verschiedeer Rahmenbedingungen (Hautkontakt, Belastungsspitzen, jugendliches Alter, Polymorphismen) eine belastbare Expositionsermittlung oft nicht möglich; zudem deuten toxikologische (Sättigungskinetik) und epidemiologische Befunde darauf hin, dass die kumulative Expositionsdosis nicht das einzig relevante Risikomaß darstellt. Es wird daher nochmals auf den orientierenden Charakter der Empfehlungen in den Abschnitten 3.2 und 3.3 hingewiesen; besondere Umstände des Einzelfalls sind, wenn sie vorliegen sollten, unbedingt zu berücksichtigen.
Darüber hinaus wird für die Beurteilung der individuellen Expositionsverhältnisse auf Folgendes hingewiesen:
3.2 Spezielle Hinweise zur Intensität der Benzolbelastung
3.2.1 Definition der bestimmten Personengruppe für die Krankheitsbilder
Als "bestimmte Personengruppe", die durch ihre Arbeit der "besonderen Einwirkung" von Benzol in erheblich höherem Maß als die übrige Bevölkerung ausgesetzt sind, sind Versicherte anzusehen, bei denen nach Intensität und Dauer der beruflichen Benzoleinwirkung eine der unter 3.2.2.1 bis 3.2.2.3 beschriebenen Fallkonstellationen zutrifft. Liegen die dort genannten Bedingungen vor, handelt es sich um Expositionsbedingungen, die aus arbeitsmedizinischtoxikologischer Sicht grundsätzlich geeignet sind, die Wahrscheinlichkeit eines Ursachenzusammenhangs im Einzelfall zu begründen.
In den Fällen, in denen gemäß Unterabschnitt 3.2.2.4 die Merkmale der geringen Belastung zutreffen, kann ebenfalls nach Maßgabe der Umstände des Einzelfalles eine kumulative Benzolbelastung im hohen einstelligen bzw. unteren zweistelligen Bereich der "ppm-Jahre" bzw. "Benzol-Jahre" (Tätigkeitsdauer in Jahren x durchschnittliche arbeitstägliche Benzolkonzentration über acht Stunden in der Luft am Arbeitsplatz in ppm), d. h. oberhalb ca. acht ppm-Jahren, erreicht werden. In diesen Fällen ist die individuelle Benzolbelastung im Einzelfall zu prüfen; eine Hilfestellung bieten hierzu die "Anwendungshinweise zur retrospektiven Berteilung der Benzolexposition", BGIA-Ringbuch Nr. 9105 (BGIA 2006). Insbesondere zu beachten sind ein besonders intensiver Hautkontakt mit Benzol oder benzolhaltigen Produkten, körperliche Arbeit mit erhöhter inhalativer Aufnahme, juveniles Expositionsalter, hohe Belastungsspitzen und eine ungewöhnlich lange Dauer der Einwirkung. In solchen Einzelfällen kann die kumulative Benzolbelastung ein arbeitsmedizinischtoxikologisch relevantes Maß betragen.
3.2.2 Beschreibung und Klassifizierung relevanter Expositionsverhältnisse
Benzolbelastungen können unter bestimmten Bedingungen bösartige Erkrankungen des myeloischen und lymphatischen Systems verursachen. Epidemiologische Studien weisen auf die Verursachung sowohl durch kürzere hohe wie auch länger andauernde Belastungen hin. Sie lassen aber die Ableitung eines präzisen Dosisgrenzwertes nicht zu (siehe Kap. 1.3.3 Epidemiologie).
Anhaltspunkte und Einzelheiten zu den Belastungen bei verschiedenen Tätigkeiten geben die "Anwendungshinweise zur retrospektiven Beurteilung der Benzolexposition" (Nr. 9105) im BGIA-Ringbuch Arbeitsanamnese (HVBG 2006), wobei die Rahmenbedingungen (vgl. Vorwort) zu beachten sind. Für den Zeitraum zwischen 1950 und 1980 sowie für besondere Expositionsbedingungen (besonders intensiver Hautkontakt, vom Arbeitsschutz nicht kontrollierte Betriebe) liegen in der Regel keine validen Expositionsdaten vor. Hier ist im Einzelfall die Exposition durch Analogieschlüsse, Berechnungen, nachstellende Untersuchungen usw. zu beschreiben.
Die folgende Aufzählung typischer benzolbelasteter Arbeitsbereiche und -tätigkeiten ist nicht abschließend. Den in den Unterabschnitten 3.2.2.1 bis 3.2.2.3 unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Belastungsintensitäten gegebenen Hinweisen zur Mindestdauer einer solchen Einwirkung liegt jeweils eine mindestens zu erreichende kumulative Belastungsdosis in der Größenordnung im hohen einstelligen bzw. unteren zweistelligen Bereich zu Grunde. Eingeflossen sind dabei nicht allein die verfügbaren Messdaten, sondern z.B. auch Erfahrungen bezüglich außerordentlich schlechter arbeitshygienischer Bedingungen mit direktem Hautkontakt oder mit messtechnisch nicht erfassbaren kurzfristigen extrem hohen Belastungen. Auch bei geringen Belastungsintensitäten ist eine entsprechende Gesamtbelastung im Einzelfall erreichbar (siehe 3.1 ).
Bei Arbeitsbedingungen mit fraglicher Benzoleinwirkung, welche nicht den beispielhaft genannten und klassifizierten Tätigkeitsbereichen zugeordnet werden können, ist anhand aller Umstände des Einzelfalls zu prüfen, ob ein Ursachenzusammenhang wahrscheinlich ist.
Nachfolgend sind somit den unterschiedlichen Belastungsintensitäten beispielhaft Tätigkeiten zugeordnet. Hierzu ist zu beachten: Die betreffenden Tätigkeiten können im Einzelfall der nächst höheren Kategorie zuzuordnen sein, wenn regelmäßig ohne die üblichen Arbeitsschutzmaßnahmen gearbeitet und dadurch eine der nächst höheren Kategorie entsprechende Belastungsintensität erreicht wurde. Unter solchen außergewöhnlichen Umständen kann zum Beispiel bei den zu einer hohen Belastungsintensität genannten Tätigkeiten ( 3.2.2.2 ) eine Einordnung als extreme Belastungsintensität ( 3.2.2.1) gerechtfertigt sein.
3.2.2.1 Extreme Belastungsintensität (Expositionsintensität)
Eine Expositionszeit von in der Regel einem Jahr ist ausreichend; bei der Ermittlung der Expositionszeit ist die tätigkeits- (T) und schichtbezogene (S) Differenzierung zu beachten.
3.2.2.2 Hohe Belastungsintensität
Eine Expositionszeit von in der Regel zwei bis fünf Jahren ist ausreichend; bei der Ermittlung der Expositionszeit ist die tätigkeits- (T) und schichtbezogene (S) Differenzierung zu beachten.
3.2.2.3 Mittlere Belastungsintensität
Eine Expositionszeit von in der Regel sechs bis zehn Jahren ist ausreichend; bei der Ermittlung der Expositionszeit ist die tätigkeits- (T) und schichtbezogene (S) Differenzierung zu beachten.
3.2.2.4 Geringe Belastungsintensität (Einzelfallprüfung erforderlich)
3.3 Definition der bestimmten Personengruppe für die Krankheitsbilder
Für diejenigen Erkrankungen des blutbildenden und lymphatischen Systems, die aufgrund ihrer Seltenheit keine epidemiologiebasierte orientierende Quantifizierung der für eine relevante Risikoerhöhung erforderlichen Expositionsverhältnisse wie bei 3.2.2 ermöglichen (Non-Hodgkin-Lymphome einschließlich Multiples Myelom (MM), außer CLL; myeloproliferative Erkrankungen), ist ausschließlich
eine einzelfallbezogene Beurteilung der Expositionsbedingungen vorzunehmen. Eine grundsätzliche Anerkennungsfähigkeit als Berufskrankheit ist dabei wegen des sich auch auf diese Erkrankungen beziehenden Nachweises der generellen Eignung von Benzol als Ursache (siehe Abschnitt 1.) zu bejahen. Bei der Einzelfallbeurteilung ist wie folgt zu differenzieren: Aufgrund der Vulnerabilität und Proliferation der hämatopoetischen Stammzellen ist davon auszugehen, dass stammzellennahe Non-Hodgkin-Lymphome (Vorläufer-B-Zell- und Vorläufer-T-Zell-Lymphome gemäß WHO-Klassifikation) hinsichtlich des benzolassoziierten Erkrankungsrisikos nicht anders zu beurteilen sind als die unter 3.2.1 behandelten Leukämien. Für die übrigen der genannten Krankheitsbilder wird ungeachtet der unzureichenden epidemiologischen Erkenntnislage beispielhaft eine ausreichende Exposition bejaht bei einer extremen Belastungsintensität (siehe Abschnitt 3.2.2.1) über einen Zeitraum von in der Regel zwei bis fünf Jahren oder bei einer hohen Belastungsintensität (siehe Abschnitt 3.2.2.2) über einen Zeitraum von in der Regel sechs und mehr Jahren.
3.4 Sonstige Hinweise
Als konkurrierende Kausalfaktoren für die toxische Knochenmarksdepression durch Benzol sind insbesondere blutbildverändernde Medikamente und Störungen der Blutbildung durch Vitaminmangel zu beachten; differentialdiagnostisch können z.B. hämolytische Anämien und Tumoranämien eine Reduktion der Zellzahlen im peripheren Blut bewirken. Als konkurrierende Risikofaktoren für Leukämien und Non-Hodgkin-Lymphome sind unter anderem Infektionen mit lymphotropen Viren (insbesondere HIV, HTLV, aktuelle Eppstein-Barr-Infektion) von Bedeutung. Die Bewertung dieser und weiterer medizinischer Aspekte obliegt der arbeitsmedizinischen Begutachtung.
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Berufskrankheiten-Verordnung
Empfehlung des Ärztlichen Sachverständigenbeirats "Berufskrankheiten"
Vom 1. September 2007
(GMBl. Nr. 49-51 vom 12.11.2007 S. 974)
Der Ärztliche Sachverständigenbeirat "Berufskrankheiten" beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat empfohlen, in die Anlage zur Berufskrankheiten-Verordnung folgende neue Berufskrankheit aufzunehmen:
"Erkrankungen des Blutes, des blutbildenden und des lymphatischen Systems durch Benzol".
Die hierzu vom Ärztlichen Sachverständigenbeirat erarbeitete wissenschaftliche Begründung lautet wie folgt:
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