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Richtwerte für Phenol in der Innenraumluft
(Bundesgesundh Bl. Nr. 11 vom November 2011 S. 1262)
Mitteilung der Adhoc-Arbeitsgruppe Innenraumrichtwerte der Innenraumlufthygiene-Kommission des Umweltbundesamtes und der Obersten Landesgesundheitsbehörden
IUPAC-Name: Phenol
Synonyme: Monohydroxybenzol, Phenylalkohol, Karbolsäure
CLP-Index-Nr.: 604-001-00-2
EG-Nr: 203-632-7
CAS-Nr.: 108-95-2
Summenformel: C6H6O
Strukturformel:
1.1 Stoffeigenschaften, Produktion und Anwendung
Phenol ist eine farblose bis schwach rosa kristalline Substanz mit einem charakteristischen, unangenehmen und durchdringenden Geruch [ 1]. Die weltweite Phenolproduktion betrug 1994 ca. 5 Millionen Tonnen, davon ca. 1,9 Millionen Tonnen aus 12 Anlagen in der EU [ 3]. Der Phenolverbrauch in der EU liegt bei etwa 1,6 Millionen Tonnen pro Jahr [ 1].
Phenol dient hauptsächlich als Ausgangsstoff für die Herstellung von Bis phenol A, Diphenylethern, Salizylsäure, Capro lactam, Phenolharzen, Chlorphenolen und anderen Chemikalien [ 1]. Die früher in Deutschland weit verbreitete Anwendung von Phenol als Desinfektionsmittel z.B. in Wäschereien oder Pflegeprodukten ist seit mehr als einem Jahrzehnt aufgegeben worden [ 1].
2 Exposition
Phenol entsteht bei einer Vielzahl organischer Verbrennungsprozesse, beispielsweise bei Waldbränden, bei der Verbrennung von Motorkraftstoffen und beim Tabak rauchen. Beim Abbrand einer Zigarette werden 0,3 - 0,45 mg Phenol freigesetzt [ 4].
Aktuelle Angaben zum Vorkommen von Phenol in der Außenluft liegen nicht vor. Zum Vorkommen von Phenol in Lebensmitteln oder Verbraucherprodukten liegen nur vereinzelte Angaben vor [ 1]. Phenol ist in Lebensmitteln wie geräucherten Würstchen, geräuchertem Schweinebauch, Bergkäse, gebratenem Schinken, Huhn oder schwarzem Tee nachweisbar [ 6]. Die derzeitige tägliche Phenol-Aufnahme über Lebensmittel in der EU wird auf 0,18 µg/kg KG geschätzt [ 5].
2.1 Innenraumluft
Phenol lässt sich in der Luft vieler Innenräume bei einer Nachweisgrenze um 1 µg/m3 nachweisen. Tabelle 1 enthält überwiegend anlassbezogene Messungen auf Phenol aus Deutschland, die in verschiedenen, zumeist 8 Stunden lang ungelüfteten Innenräumen (Wohnungen, Büros, Schulen u. a.) stattfanden. Die Probe nahmen erfolgten hierbei mit unterschiedlichen Sammelmedien (Tenax, Aktivkohle, XAD-2 bzw. -7 oder Anasorb) und entsprechend wurden in den Laboren unterschiedliche Trenn- und Detektionsverfahren eingesetzt [ 7, 8, 9].
3 Toxikokinetik
Phenol wird schnell über die Lunge, den Darm und die Haut resorbiert. Bei Untersuchungen an 8 Probanden, die Phenol über eine Atemmaske in Konzentrationen von 6,3 -- 20 mg/m3 über 8 Stunden einatmeten, betrug die Phenol-Aufnahmerate 60-88% [ 10]. Nach oraler Gabe von 25 mg Phenol/kg Körpergewicht an Ratten/Schafe/Schweine wurden innerhalb von 8 Stunden 90%/85%/84% der verabreichten Dosis absorbiert. Nach dermaler Exposition wurden bei Ratten nach 4 Stunden, 12 Stunden oder 24 Stunden 40%, 70% bzw. 75% der verabreichten Dosis über den Urin ausgeschieden [ 1]. Nach intratrachealer Gabe von radioaktiv markiertem Phenol fanden sich nach 3 Tagen nur noch 1-5% des eingesetzten Phenols, davon 0,13% jeweils in Lunge und Haut, 0,07% im Blut, 0,3% im Muskelgewebe und 0,02% in der Leber von Ratten [ 11].
Die Konjugation von Phenol mit Glucuronsäure oder Sulfat bildet die wesentlichen Entgiftungswege für Phenol. In geringem Umfang entstehen aus Phenol auch die ortho- bzw. parahydroxylierten Verbindungen Phendiol-1,2 (Catechol) und Phendiol-1,4 (Hydrochinon) (s. Abb. 1). Beide Phendiole werden wiederum mit Glucuronsäure oder Sulfat konjugiert, möglich ist aber auch eine weitere Oxidation zu den reaktiven 1,2- bzw. 1,4-Benzochinonen oder zu einer dreifach hydroxylierten Verbindung [ 12, 13]. Über eine Peroxidationsreaktion konnte in vitro auch die Bildung von Dihydroxybiphenyl-Verbindungen aus Phenol beobachtet werden. Die Konjugationsreaktion erfolgt hauptsächlich in der Lunge, im Darm, in der Leber und den Nieren, in geringem Maße in der Haut.
Die Halbwertszeit von Phenolkonjugaten in den Urin beträgt im Menschen zwischen 1 und 4,5 Stunden [ 14]. Eine Untersuchung an Bakelitproduzierenden Beschäftigten, die Phenol-Konzentrationen von 0,6 - 125 mg/m3 ausgesetzt waren, ergab, dass das eingeatmete Phenol nach einem Tag praktisch vollständig über den Urin ausgeschieden war [ 15]. Auch Ratten hatten nach einer 1-8-tägigen Exposition gegenüber 98 mg 14C-Phenol/ m3 über 6 Stunden/Tag nach einem Tag 94,5% bzw. 90,2% (männlich/weiblich) und nach 8 Tagen 97,4% über den Urin ausgeschieden [ 16]. Nach oraler Gabe von 0,01 mg 14C-markiertem Phenol/kg Körpergewicht waren bei 3 männlichen Probanden ca. 90% des eingenommenen Phenols innerhalb von 14 Stunden mit dem Urin wieder ausgeschieden.
Bei üblicher Ernährung scheidet der Mensch täglich etwa 8,7±2,0 mg Phenol in freier bzw. konjugierter Form im Urin aus [ 10]. Beim Übergang zu einer Veganer-Ernährung sank die Phenol-Konzentration 2 Wochen nach der Ernährungsumstellung von 0,75 mg/l auf 0,5 mg/l im Serum bzw. von 7 mg/l auf 3 mg/l im Urin [ 17].
| Tab. 1 Vorkommen von Phenol in der Luft ausgewählter Innenräume in Deutschland | ||||||
| Innenraum | N | BG [µg/m3] | n >BG (% >BG) | Median [µg/m3] | 95. Percentil [µg/m3] | Maximalwert [µg/m3] |
| Büro, Wohnung, Schule, Kita u. a. 2002-06 [7] | 1507 | 1 | 712(47) | < 1 | 5 | 140 |
| Büros (78), Wohnungen (25), Schulen + Kitas (23) 2004-09 [8] | 142 | 1 | 6 (4) | < 1 | < 1 | 49 |
| Schulen (61), Büros (46), Wohnungen (10) u. a. (7) 2002-2010 [9] | 124 | 2 | 36 (29) | < 2 | 4 | 21 |
4 Wirkungen
Sowohl nach einmaliger als auch nach wiederholter Exposition gegenüber Phenol in der Luft stehen Reizungen des Atemtraktes und der Augen sowie neurotoxische Wirkungen im Vordergrund. Relativ spezifisch für Phenol sind kardiotoxische Wirkungen, die vor allem nach akuter hoher Exposition auftraten. Veränderungen des Blutbildes wurden nur in wenigen Studien beobachtet.
4.1 Irritative Wirkungen
Humanstudien
Irritative Wirkungen beim Menschen wurden sowohl nach inhalativer als auch nach oraler Exposition (Trinkwasser) gegenüber Phenol berichtet [ 18, 19, 20]. Da bei der inhalativen Studie von Bay et al. [ 18] neben Phenol auch weitere Substanzen wie Formaldehyd, Kerosin und Naphthalin und bei den Trinkwasserstudien unter anderem chlorierte Phenole vorlagen [ 20], können diese Studien nicht abschließend bewertet werden.
Tierexperimentelle Studien
In einem Kurzzeittest an männlichen Swiss OF1-Mäusen, die für jeweils 5 Minuten einer kopfbezogenen Phenolexposition ausgesetzt wurden, wurde eine respiratorische Reduktion der Atem rate um 50% (RD50) bei 649 mg/m3 ermittelt [ 21]. Weibliche Harlan-Wistar-Ratten zeigten nach einer einstündigen Exposition gegenüber 915 mg Phenol/m3 Nasen- und Augenreizungen [ 22].
F344 Ratten (20 Tiere/Geschlecht und Gruppe) wurden 6 Stunden pro Tag, 5 Tage pro Woche über 2 Wochen gegenüber 0, 2, 20 oder 98 mg Phenol/m3 exponiert [ 23]. Histologische, hämatologische, blutchemische und neurologische Untersu chungen ergaben bis zur höchsten Konzentration von 98 mg/m3 keine adversen Effekte in den Atemwegen oder in anderen Organen.
An Meerschweinchen wurden nach 41-tägiger Exposition gegenüber 102-203 mg Phenol/m3 Bronchitis, Entzündungen in den Atemwegen sowie eitrige Pneumonien beobachtet [ 24]. Kaninchen, die für die Dauer von 88 Tagen den gleichen Phenolkonzentrationen ausgesetzt waren, zeigten ähnliche Effekte, aber weniger ausgeprägt. Exponierte Ratten zeigten keine Veränderungen. Die Studie wird als wenig zuverlässig angesehen, da eine Kontrollgruppe und genauere Angaben zur Phenolexponierung fehlen. Es ist zudem fraglich, ob die beschriebenen Effekte allein dem Phenol zugeschrieben werden können oder ob auch eine Infektion vorlag.
Bei einer subchronischen Studie an Rhesusaffen, Ratten oder Mäusen, bei denen die Tiere 20 mg Phenol/m3 an 8 Stunden pro Tag, 5 Tagen pro Woche über 90 Tage ausgesetzt waren, zeigten sich keine histologischen Veränderungen in der Lunge [ 25].
4.2 Hämatologische und hepatotoxische Effekte
Humanstudien
Zur Untersuchung der Wirkung von Phenol auf hämatologische oder hepatotoxische Effekte wurden Beschäftigte einer Fabrik, die aromatische Kohlenwasserstoffe aus Ölen und Wachsen destillierte, in 3 Gruppen eingeteilt [ 26]. 20 Arbeiter waren bei einer mittleren Expositionsdauer von ca. 13 Jahren durchschnittlich einer Phenolkonzentration von 21 mg/ m3 ausgesetzt. Eine zweite Gruppe von 32 Arbeitern war gegenüber einem Stoffgemisch von Phenol (18 mg/m3), Benzol, Toluol und Butanon exponiert. Die Kontrollgruppe bestand aus 30 nichtexponierten Beschäftigten. Neben den Luftmessungen wurde die Exposition anhand von Nüchternblutproben am Ende des letzten Arbeitstages der Woche sowie mit Urinuntersuchungen auf Phenol, Hippursäure und Butanon bestimmt. Bei der Untersuchung klinisch-chemischer und hämatologischer Parameter fielen im Vergleich zur Kontrollgruppe erhöhte Konzentrationen von Hämoglobin, Hämatokrit, basophilen und neutrophilen Leukozyten, eine geringere Monozytenzahl sowie eine Zunahme der Gerinnungszeit und der Transaminasekonzentration ALT (GPT) und AST (GOT) auf. Die Phenolkonzentration im Urin war signifikant erhöht (68.6 ± 47.1 mg Phenol/g Kreatinin) im Vergleich zur nichtexponierten Personengruppe (11.5 ± 4.7 mg Phenol/g Kreatinin). Die Art der Expositionsmessung (Arbeitsplatz oder personengebunden) war nicht dokumentiert und es fehlten Angaben zur zeitlichen Verteilung der Exposition (Angabe von Expositionsspitzen). Bei dieser Studie konnte allerdings die Zunahme der Phenolkonzentration im Urin mit Zunahme der Phenolbelastung gezeigt werden.
Tierexperimentelle Studien Hämatologische Untersuchungen zeigten keine Veränderungen roter und weißer Blutzellen, Retikulozyten, Hämoglobin und anderer hämatologische Parameter bei Rhesusaffen, Ratten oder Mäusen in einer 90-Tage-Studie, bei der die Tiere einer Phenolkonzentration von 20 mg/m3 ausgesetzt waren [ 25].
Eine dosisabhängige Abnahme roter Blutzellen wurde bei Mäusen nach Phenolgabe im Trinkwasser beobachtet. Nach täglicher Gabe von (0), 2, 6 oder 34 mg Phenol/kg über 28 Tage sank die Zahl roter Blutzellen von 7,17 auf 4,9, 4,6
Abb. 1 Metabolische Abbauwegevon Phenol [ 13]. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Wiley-VCH, Weinheim: Copyright Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA. Reproduced with permission bzw. 3,2 Millionen/mm3 ab. Der Hämatokrit nahm nur bei der höchsten Konzentration ab, die Zahl der Leukozyten blieb unverändert [ 27].
4.3 Neurotoxizität
Weibliche Wistar-Ratten, die bis zu 8 Stunden einer Phenolkonzentration von 915 mg/m3 ausgesetzt waren und danach 2 Wochen ohne Exposition gehalten wurden, wiesen nach einer Stunde Exposition keine, nach 4 Stunden leichte und nach 8 Stunden schwere neurologische Störungen wie Tremor und Koordinationsstörungen auf [ 22].
Männliche und weibliche weiße Ratten wurden in einer Inhalationskammer 15 Tage lang ununterbrochen (24 h/d) einer Konzentration von 0 oder 100 mg Phenol/ m3 ausgesetzt [ 28]. Die Phenolexponierte Gruppe zeigte in den ersten Tagen eine gesteigerte Aktivität, wurde dann jedoch zunehmend träger. Am Expositionsende war der Gleichgewichtssinn der behandelten Tiere im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant gestört. Histopathologische Untersuchungen wurden nicht durchgeführt. Hämoglobin- und Hämatokritwerte sowie die Natrium-, Kalium- und Chlorionen-Konzentrationen waren unauffällig, Kalium- und Magnesiumionen waren im Plasma erhöht. Bei jeweils 20 männlichen oder weiblichen F344-Ratten traten nach einer subakuten Exposition gegenüber (0), 2, 20 oder 98 mg Phenol/m3 an 6 Stunden pro Tag, 5 Tage pro Woche über 2 Wochen auch bei der höchsten Konzentration keine neurologischen Veränderungen auf [ 23]. Bei Meerschweinchen nahm nach 41-tägiger Exposition gegenüber 100-200 mg Phenol/m3 die Aktivität ab, die Hinterbeine wiesen Lähmungserscheinungen auf [ 24]. Histopathologische Untersuchungen am Hirn von Rhesusaffen, Ratten und Mäusen, die jeweils über 90 Tage an 8 Stunden pro Tag und 5 Tagen pro Woche 20 mg Phenol/m3 ausgesetzt waren, ergaben keine Hinweise auf Veränderungen [ 25].
4.4 Kanzerogenität/Mutagenität
In einer amerikanischen [ 29] und einer finnischen Kohortenstudie [ 30] wurden Beschäftigte der Holzindustrie untersucht, die gegenüber Formaldehyd, Phenol sowie weiteren Substanzen exponiert waren. Bei den 14861 Beschäftigten aus 5 Fabriken in den USA in der Zeit von 1966 - 1980 konnten keine Erhöhung der Inzidenz von Mundhöhlen-, Speiseröhren-, Magen-, Darm-, Leber-, Pankreas-, Haut-, Prostata-, Hoden-, Hirnkrebs oder Leukämie festgestellt werden.
In der finnischen Fall-Kontroll-Studie wurden 7307 männliche Arbeiter aus 35 Fabriken untersucht. Das Odds-Ratio für Lungenkrebs durch Phenol betrug 3,2 (90% KI: 1,8-5,6, n=14), nach Adjustierung des Raucherstatus 2,5 (90%KI: 1,2-5; n=9). Von allen untersuchten Substanzen zeigte Phenol die stärkste Assoziation zu Krebs der Atemwege.
In den meisten Untersuchungen an bakteriellen Testsystemen zeigte sich kein mutagenes Potential von Phenol. Hingegen weisen in-vitro-Untersuchungen an Säugetierzellen auf eine klastogene Wirkung von Phenol hin [ 1]. Invivo- Mutagenitätsuntersuchungen wurden jeweils an kleinen Tiergruppen zwischen 3-6 Tieren durchgeführt. Bei einmaligen, hohen intraperitonealen Injektionsdosen von 265 bzw. 300 mg Phenol/kg Körpergewicht (LD50: 180 mg/kg Körpergewicht) wurde eine signifikante Erhöhung der Mikro nukleusbildung beobachtet [ 31, 32]. Barale [ 33] beobachtete bei einmaliger Injektion von 265 mg/kg Körpergewicht keine Effekte. Insgesamt stellte sich der Effekt auf die Mikronukleusbildung bei ein- bzw. mehrmaliger Injektion uneinheitlich dar.
4.5 Geruchswahrnehmung
Als Geruchswahrnehmungsschwelle für Phenol wird eine Konzentration von 0,02 mg/m3 genannt [ 34].
5 Bewertung
Zur gesundheitlichen Bewertung von inhalativ oder oral aufgenommenem Phenol liegen Humanstudien und tierexperimenteller Arbeiten vor.
Irritative Wirkungen sind tierexperimentell nach Kurzzeitexposition gegenüber Phenol in der Luft gut dokumentiert. In Studien mit wiederholter Exposition lag die gewählte Phenol-Konzentration entweder zu niedrig, so dass keine Reizwirkungen beobachtet wurden [ 23, 25], oder konkurrierende Einflüsse (z.B. eine Infektion) ließen keine eindeutige Aussage zu [ 24].
Hinsichtlich des Endpunktes Hämato- und Hepatotoxizität kann trotz Mängel in der Dokumentation der Expositionsbestimmung vor allem die Arbeitsplatzstudie von Shamy et al. (1994) herangezogen werden [ 26]. Diese Studie wird als relevant, aber als nur mit Einschränkungen belastbar angesehen, die Einstufung erfolgt in die Klimisch-Kategorie 2 [ 35]. Der Endpunkt Hämatotoxizität wird durch eine Studie an der Maus unterstützt [ 27].
Die Neurotoxizität eingeatmeten Phenols ist in mehreren Studien belegt [ 22, 28]. Eine wiederholte ununterbrochene subakute Exposition von weißen Ratten führte zu signifikanten Gleichgewichtsstörungen bei einer Konzentration von 100 mg Phenol/m3 [ 28]. Diese Studie wird wie die Studie von Shamy et al [ 26] als relevant für eine Risikobewertung, aber ebenfalls nur als eingeschränkt belastbar angesehen (Klimisch-Kategorie 2).
5.1 Einstufungen / Regelungen
Nach der Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 über die Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen und Gemischen (CLP-GHS-VO) ist Phenol im Anhang VI Teil 1 Tabelle 3.1 nicht als krebserzeugend aufgeführt [ 36]. Nach Ansicht der Internationalen Krebsforschungsbehörde (IARC) sind sowohl die Hinweise auf eine krebserzeugende Wirkung des Phenols beim Menschen als auch beim Tier unzureichend [ 3]. Die IARC stuft Phenol hinsichtlich seines krebserzeugenden Potentials als nicht bewertbar (Kat. 3) ein.
Allerdings ist Phenol nach der o. a. Verordnung 1272/2008 in der Mutagenitäts-Kategorie 2 eingestuft (entspricht der früheren Kategorie 3 nach RL 67/548 [ 1]). Die DFG-Kommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe stuft Phenol in der Kategorie 3 B ein. Damit geben die Daten laut DFG Hinweise auf eine krebserzeugende Wirkung. Eine genauere Einstufung in Kategorie 4 (nichtgentoxischer Wirkmechanismus steht im Vordergrund) bzw. Kategorie 5 (unter Einhaltung eines MAK- und BAT-Wertes besteht ein "sehr geringer Beitrag zum Krebsrisiko") ist aufgrund unzureichender Datenlage derzeit nicht möglich. Zur Begründung verweist die DFG-Kommission unter anderem auf die als keimzellmutagen eingestuften Metabolite Hydrochinon und Catechol (Einstufung in den Kategorien 3A bzw. 3B) sowie auf klastogene Effekte in eukaryotischen Zellen [ 37].
Der europäische Wissenschaftliche Ausschuss für Arbeitsplatzgrenzwerte (Scientific Committee on Occupational Exposure Limit Values -- SCOEL) hat einen 8-Stunden-Mittelwert von 8 mg Phenol/m3 sowie einen Kurzzeitwert von 16 mg/m3 empfohlen [ 38], die 2009 in einer EU-Richtlinie übernommen wurden [ 39]. Wesentliche Grundlage der SCOEL-Empfehlung waren die subchronischen Inhalationsstudien an Ratten, Mäusen und Rhesus-Affen, die bei einer Exposition gegenüber 20 mg Phenol/m3 keine Effekte zeigten [ 25].
In Deutschland gilt ein Arbeitsplatzgrenzwert für Phenol von 8 mg/m3 [ 40]. Die US-amerikanische Arbeitsschutzbehörde hat einen Arbeitsplatzgrenzwert von 19 mg Phenol/m3 als 8-Stunden Schichtmittelwert festgelegt [ 41].
5.2 Ableitung von Richtwerten für Phenol in der Innenraumluft
Die Adhoc-Arbeitsgruppe Innenraumrichtwerte sieht zwei Studien als grundsätzlich geeignet für eine Ableitung von Richtwerten für Phenol in der Innenraumluft an: Eine eingeschränkt belastbare Arbeitsplatzstudie mit dem Endpunkt Hämato- und Hepatotoxizität [ 26] und ergänzend eine ebenfalls eingeschränkt belastbare Inhalationsstudie zur Neurotoxizität an Ratten [ 28]. Gemäß Basisschema geht die Adhoc-Arbeitsgruppe für die Ableitung von Richtwerten von der niedrigsten beobachteten nachteiligen Wirkungskonzentration (lowest observed adverse effect level -- LOAEL) aus [ 42].
Im europäischen Risikobewertungsbericht zu Phenol wurde aus der Arbeitsplatzstudie von Shamy et al. [ 26] ein LOAEL von 21 mg/m3 für den Endpunkt Hämatotoxizität abgeschätzt [ 1]. Zur Extrapolation auf eine kontinuierliche Exposition verwendet die Adhoc-Arbeitsgruppe einen Faktor von 24:8* 7:5 = 4,2. Intraspezies-Unterschiede werden mit einem Faktor von 10 und eine bei Kindern im Vergleich zu Erwachsenen erhöhte Atemrate mit einem Faktor von 2 berücksichtigt [ 42]. Damit ergäbe sich aus dieser Studie ein Richtwert II von 21 mg/m3: 4,2: 10: 2 = (abgerundet) 0,2 mg/m3.
Alternativ erfolgt eine Ableitung auf der Grundlage der Neurotoxizitätsstudie von Dalin und Kristoffersen [ 28]. Bei exponierten weißen Ratten (100 mg Phenol/m3 an 24 Stunden pro Tag über 15 Tage) zeigten sich signifikant mehr Gleichgewichtsstörungen als bei der Kontrollgruppe. Nach Ansicht der Adhoc-Arbeitsgruppe stellt diese Konzentration bei ganztägiger Exposition den LOAEL dar. Diese Annahme wird unterstützt durch die Ergebnisse der Studie von Hoffmann et al. [ 23], in der eine 6-stündige Exposition gegenüber 98 mg Phenol/m3 zu keinen nachteiligen Effekten führte. Interspezies-Unterschiede in der Toxikodynamik werden mit einem Faktor von 2,5 [ 43] berücksichtigt, Intraspezies-Unterschiede mit einem Faktor von 10 [ 42] und eine bei Kindern im Vergleich zu Erwachsenen erhöhte Atemrate mit einem Faktor von 2 [ 42]. Zur Abschätzung einer chronischen aus einer subakuten Exposition wird ein Faktor von 6 [ 43] verwendet. Damit ergäbe sich aus dieser Studie ein Richtwert II von 100 mg/m3: 2,5: 10: 2: 6 = 0,3 mg/m3.
Richtwert II
Beide Ableitungen kommen zu einem vergleichbaren Ergebnis. Für die Festlegung der Richtwerte wird der Ableitung auf Grundlage der Humanstudie der Vorzug gegeben. Auf der Basis der Studie von Shamy et al. legt die Adhoc-Arbeitsgruppe einen Richtwert II von 0,2 mg Phenol/ m3 fest.
Richtwert I
Der Richtwert I ergibt sich konventionsgemäß durch Teilen des Richtwertes II durch 10 und beträgt somit 0,02 mg/m3.
Der Text dieser Empfehlung wurde federführend von Herbert Grams mit Beiträgen von Dr. Helmut Sagunski und Dr. Christoph Baudisch erstellt und von der Adhoc-Arbeitsgruppe Innenraumrichtwerte im April 2011 verabschiedet. Die Literaturrecherche wurde im Mai 2011 abgeschlossen.
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