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KAS 29 Leitfaden - Besondere Anforderungen an Sicherheitstechnik und Sicherheitsorganisation zur Unterstützung von Anlagenpersonal in Notfallsituationen unter besonderer Berücksichtigung des Leitfadens KAS-20
Kommission für Anlagensicherheit (KAS)
Stand Februar 2014
Die Kommission für Anlagensicherheit (KAS) ist ein nach § 51a Bundes-Immissionsschutzgesetz beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit gebildetes Gremium.
Ihre Geschäftsstelle ist bei der GFI Umwelt - Gesellschaft für Infrastruktur und Umwelt mbH in Bonn eingerichtet.
Anmerkung:
Dieses Werk wurde mit großer Sorgfalt erstellt. Dennoch übernehmen Verfasser und Auftraggeber keine Haftung für die Richtigkeit von Angaben, Hinweisen und Ratschlägen sowie für eventuelle Druckfehler. Aus etwaigen Folgen können daher keine Ansprüche gegenüber Verfasser und/oder Auftraggeber geltend gemacht werden.
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1. Einleitung
1.1 Ausgangssituation
Beschäftigte verhalten sich im Fall einer plötzlich eintretenden Notfallsituation oft nicht so, wie sie es gelernt haben, wie es von ihnen zu erwarten wäre, wie sie selbst es von sich erwartet hätten. Dies wird aus der Analyse katastrophaler Ereignisse wie Seveso, Bhopal, Longford, Texas City, Buncefield oder Deepwater Horizon besonders deutlich.
Aus Untersuchungen zum Verhalten von Menschen in komplexen Situationen geht hervor, dass durch den mit der Notfallsituation verbundenen Stress die Fähigkeit deutlich herabgesetzt werden kann, die Situation zu meistern und die "drohende Katastrophe" zu verhindern. Das klare, nüchterne Denken sowie das Erfassen und Analysieren der Situation verläuft nicht so, wie in der normalen Arbeitssituation. Wenn zusätzlich die technische Anlage und die Bedienung zu komplexe Anforderungen stellen, erschwert dies das Bewältigen der Notfallsituation.
Das nebenstehende Bild zeigt eine missverständliche Rettungswegbeschilderung. Während der Pfeil nach rechts zeigt, werden die flüchtenden Personen textlich dazu aufgefordert sich links zu halten. Bei einem Zwischenfall in Großbritannien kam es aufgrund eines solchen Hinweisschildes zu mehreren Toten, da es zu viel Informationsverarbeitung für die unter Zeitdruck stehenden Flüchtenden erforderte. Von Menschen in Notfallsituationen kann nicht erwartet werden, dass sie die Situation spontan überblicken oder ein solches Schild mit widersprüchlichen Anweisungen verstehen. Denn die Notfallsituation ist angstbesetzt und die Gefühle spielen für das Handeln in einem sehr viel größeren Ausmaß eine Rolle als in der normalen betrieblichen Situation.
1.2 Aufgabenstellung
In ihrer 23. Sitzung am 25./26. Juni 2012 hat die Kommission für Anlagensicherheit beschlossen, einen Leitfaden "Besondere Anforderungen an Sicherheitstechnik und Sicherheitsorganisation zur Unterstützung von Anlagenpersonal in Notfallsituationen unter besonderer Berücksichtigung des Leitfadens KAS- 20" [1] zu erstellen.
Der Leitfaden soll Empfehlungen formulieren und Handlungshilfen dafür bereitstellen, den Dreiklang der Anlagensicherheit "Technik - Organisation - Personal" für die betriebliche Notfallsituation so zu gestalten, dass diese Situation einerseits möglichst nicht zu einer Katastrophe führt und andererseits das Anlagenpersonal so unterstützt wird, dass es in der Lage ist, sicheres Arbeitshandeln in der emotional belastenden Notfallsituation an den Tag zu legen.
1.3 Anwendungsbereich und Zielsetzung des Leitfadens
Der Leitfaden richtet sich in erster Linie an Unternehmen mit Betriebsbereichen, die unter den Anwendungsbereich der Störfall-Verordnung [2] fallen. Die ausgesprochenen Empfehlungen sollten in angemessener Weise auch in Betrieben berücksichtigt werden, die nicht der Störfall-Verordnung unterliegen.
Der Leitfaden soll den Betrieben dabei helfen, sich auf Notfallsituationen besser vorzubereiten, um sich anbahnende Unfälle oder Störfälle rechtzeitig in den Griff zu bekommen bzw. mögliche Auswirkungen soweit wie möglich zu begrenzen.
Auch kleine und mittlere Betriebe sollten sich auf die in diesem Leitfaden betrachteten Situationen vorbereiten. Dies gilt insbesondere für die Punkte Training und Aufbau einer angemessenen Notfallorganisation.
Zielgruppen des Leitfadens sind alle betrieblichen Stellen, die an der Vorbereitung auf und der Bewältigung von Notfallsituationen beteiligt sein können, wie z.B. der Betrieb selbst, die Anlagenplaner/innen, das Sicherheitsmanagement oder der Krisenstab. Ggf. finden auch Hersteller/innen von verfahrenstechnischen Anlagen Anregungen für die Gestaltung von Anlagen, die auch in Notfallsituationen sicher bedienbar bleiben. Betriebsbeauftragten, Sachverständigen, Aufsichtsbehörden und Sachversicherern kann der Leitfaden eine Arbeitshilfe zur Wahrnehmung ihrer spezifischen Aufgaben sein.
2. Charakteristik von Notfallsituationen
2.1 Definition
Als Notfallsituation wird in diesem Leitfaden eine Situation verstanden, die außer Kontrolle geraten und zu einem Störfall im Sinne der Störfall-Verordnung führen könnte oder bereits geführt hat.
Abb. 1: Vom Normalbetrieb zum Notfall (in Anlehnung an [3])
Zur Beschreibung von Anforderungen an Sicherheitstechnik und -organisation ist es erforderlich, die Notfallsituation zu charakterisieren. Denn je nach Situation müssen Technik und Organisation unterschiedlich ausgeprägt bzw. so gestaltet sein, dass sie in den unterschiedlichen Situationen belastbar sind und das Anlagenpersonal entsprechend unterstützen.
Tab. 1: Mögliche Dimensionen von Notfallsituationen
Die Reaktionen und Maßnahmen einer Organisation (eines Betriebsbereichs) müssen auf die jeweilige Notfallsituation angepasst werden.
2.2 Merkmale von Notfallsituationen
In einer Notfallsituation sehen sich die handelnden Personen zunächst einer kritischen Situation gegenüber, die u.a. für sie durch folgende Charakteristika gekennzeichnet sein kann [4]:
Aus diesen Situationscharakteristika entsteht Stress für die Beteiligten, der durch mögliche bzw. befürchtete Folgen noch verstärkt wird.
Zudem müssen die Beteiligten in Notfallsituationen oft unter folgenden erschwerenden Bedingungen handeln:
Deshalb erscheint die Situation häufig nicht mehr beherrschbar und kann zu objektiv falschen Handlungen führen.
Aus Sicht der Handelnden muss die Notfallsituation mit dem daraus erwachsenden Erfordernis der Selbstregulation erfolgreich bewältigt werden.
3. Handeln und Reflektieren in der Notfallsituation
3.1 Verhalten von Beteiligten
Nicht alle Personen verhalten sich in einer Notfallsituation so, wie sie es gelernt haben oder wie sie es in einer Normalsituation tun würden, trotz vorhandener Sicherheitstechnik und -organisation. Stattdessen zeigen sie aufgrund der vorher genannten Situationsmerkmale (Kap. 2.2) folgende Verhaltensweisen [5]:
Personen, die erfolgreich in Notfallsituationen handeln und reflektieren, zeigen hingegen allgemein folgende Handlungsmuster auf [5], [6]:
Das Arbeiten im Team kann die Schwierigkeiten im Umgang mit der Notfallsituation ebenfalls verschärfen. Die einzelne Person kann in der Gruppe auf die Bedrohung durch die Situation dann folgendermaßen reagieren [7], [8]:
Besonders anfällig können Gruppen sein, die sich aufgrund bisheriger Erfolge als unverwundbar und als Elite erleben.
Weitere Schwierigkeiten können aus dem Verhältnis zwischen Führungskräften und den handelnden Personen erwachsen.
Führung ist in Normalsituationen effizient, wenn Führungsverhalten, Führungserwartungen und Aufgabenerfordernis aneinander angepasst sind, d. h. Beziehungspflege, soziale Distanz, Entscheidungsautonomie, Verbindlichkeit von Planungen und Kommunikationsstil so ablaufen wie erwartet.
In Notfallsituationen ist Führungshandeln häufig verändert gegenüber der Normalsituation, so dass Standards der Unternehmenskultur verletzt werden können, was zu Irritationen, Missverständnissen und Schwierigkeiten führen kann, wie beispielsweise [9]:
In der Notfallsituation kann unterschiedliches Führungsverhalten erfolgreich sein: sowohl eigenverantwortliches als auch ein anweisungsgebundenes Handeln der Beschäftigten kann vorgegeben werden.
In kritischen Situationen wird von Führungskräften verlangt, den Überblick zu behalten und sich nicht in operative Details einzumischen, wie es beispielsweise "Patriarchen" gem. tun. Wie die Schwierigkeiten, die aus der Notfallsituation für entschlossenes systematisches Handeln erwachsen, aufzeigen, sollten dem Anlagenpersonal bereits im Vorfeld und zur Vorbereitung auf eventuelle Notfallsituationen Handlungsmuster und Verhaltensvorschläge an die Hand gegeben werden, um sich erfolgreich in Notfallsituationen zu verhalten. Beispiele hierfür sind in Kapitel 3.2 zu finden.
3.2 Verbesserung der Handlungskompetenz
Erfolgreiches Handeln in Notfallsituationen setzt einen systematischen Ablauf voraus, dessen einzelne Schritte in Trainings und Simulationen geübt werden können.
Die umseitige Abbildung 2 zeigt eine mögliche Schrittfolge.
Bei der Bewältigung von Notfallsituationen spielen nicht nur Kognitionen (z.B. Denken oder Wissen), sondern auch Emotionen (z.B. Angst) und Handlungsmotive (z.B. Eigenrettung) eine Rolle. Die meisten Trainings konzentrieren sich auf Wissensaufbau und Verhaltensübungen, so dass Emotionen und Motive ausgeblendet bleiben. Für eine erfolgreiche Bewältigung der Notfallsituation ist es aber auch wichtig, dass diese Situation zumindest teilweise erlebt und reflektiert wird, damit die Einzelnen auf ihre Reaktionen vorbereitet sind. Notfallsimulationen bieten diese Möglichkeit.
Auch während der Notfallsituation können Intransparenz, Dynamik und Unsicherheit der Situation ein Umschalten der Strategie erfordern, statt sich ggf. vorschnelles Handeln aufzwingen zu lassen. Wenn beispielsweise ein akuter Handlungsdruck besteht, ist zunächst eine Option zu wählen, die die Sicherheitslage verbessert und möglichst weitere Zeitreserven bringt (sogenannte noregret-Entscheidung). Dieses Umschalten kann am ehesten durch eine Person erfolgen, die sich gewissermaßen außerhalb des Geschehens und Handelns stellen kann (z.B. besondere/r Notfallmanager/in, Mitglied der Einsatzleitung, Betriebsleiter/in eines Nachbarbetriebes)
Insofern ist einer klugen Rollenzuweisung des Personals für die Notfallsituation besonderes Augenmerk zu schenken. Günstig erweist sich auch, wenn sich die beteiligten Personen aus der Zusammenarbeit kennen, da sie nur so geteiltes Wissen (Wissen über die Gruppenmitglieder wie Kompetenzen, Aufgabenverteilung, Verantwortlichkeiten, entsteht nur aus der Erfahrung der Zusammenarbeit) entwickeln konnten [10].
Abb. 2: Ablaufschritte für die Reaktion auf die Notfallsituation
In Notfallsituationen müssen in der Regel Entscheidungen unter hoher Unsicherheit und mit Zeitdruck getroffen werden. Fehlentscheidungen können katastrophale Folgen haben. Für Piloten und Pilotinnen wurde die FORDEC-Methode zur strukturierten Entscheidungsfindung in kritischen Situationen entwickelt, die analog für Gefahrensituationen in technischen Anlagen angewandt werden kann [11]. Entscheidungen sollen so robuster gegen vorschnelle - und damit gegebenenfalls unangemessene - Impulse und Gefühlseinflüsse werden.
Die Buchstaben FORDEC bezeichnen die einzelnen Schritte, die zur Entscheidungsfindung führen, und bedeuten im Einzelnen:
Tab. 2: FORDEC-Schritte
Die Vermittlung von erforderlichen Kompetenzen für Notfallsituationen soll in Trainingsmaßnahmen für die Beschäftigten erfolgen. Daher sollten Trainings für das Nicht-Planbare folgende Inhalte berücksichtigen [12]:
Das Ziel des Trainings von Anlagenpersonal sowie Führungskräften ist die Vorbereitung zur erfolgreichen Bewältigung von Notfallsituationen, damit die Beschäftigten und Teams einerseits belastbarer werden und so andererseits erfolgreicher reagieren.
Die in den Trainings vermittelten Inhalte sollten in Simulationen von Notfallsituationen verfestigt werden.
In Kapitel 6.3 werden beispielhaft verschiedene Trainingsmöglichkeiten genannt, die das richtige Verhalten zur Bewältigung von Notfallsituationen schulen. Der Leitfaden KAS-20 [1] enthält in Anhang II Beispiele für Lernzielkataloge zu oben genannten Inhalten.
4. Prozess zur Erlangung eines sicheren Anlagenbetriebs
Die bisher beschriebenen Elemente zum erfolgreichen Handeln in Notfallsituationen müssen in einem generellen Prozess zur Erreichung, Aufrechterhaltung und Verbesserung der Anlagensicherheit eines Betriebsbereiches eingebettet sein.
Ziel eines Unternehmensprozesses muss die systematische Verhinderung von Störfällen in einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess sein.
Ein solcher Prozess folgt dem systematischen Managementkonzept des kontinuierlichen PLAN-DO-CHECK-ACT Kreisprozesses (PDCA Zyklus).
Der Prozess " Anlagensicherheit" beginnt in der Entwurf- bzw. Designphase schon vor Bau und Inbetriebnahme einer Anlage und endet nie.
Abb. 3: Prozess zur Erreichung, Aufrechterhaltung und Verbesserung der Anlagensicherheit (in Anlehnung an [13])
Sicheres Design ("PLAN") bedeutet, dass bereits in der Designphase festgelegt wird, was mit welchen chemischen oder physikalischen Verfahren in der Anlage produziert werden soll. Gleichzeitig werden alle Prozessparameter, die einzuhaltenden rechtlichen Rahmenbedingungen und die anzuwendenden Technischen Regeln (Stand der Technik und der Sicherheitstechnik) festgelegt (Technik und Organisation). Dies ist für alle Betriebsphasen erforderlich. Damit wird sichergestellt, dass die Anlage nach dem Stand der Technik und der Sicherheitstechnik gebaut und betrieben wird.
Dies geschieht in einem systematischen Prozess, in dem auch die Berücksichtigung und Realisierung aller Anforderungen an Umweltschutz, Arbeitssicherheit und Anlagensicherheit durch die Einschaltung der entsprechenden Expertinnen und Experten für Umweltschutz, Arbeitssicherheit und Anlagensicherheit von vorne herein sichergestellt wird. Dazu trägt auch die Beauftragtenorganisation bei. Diese sorgt dafür, dass Betriebsbeauftragte, befähigte Personen, andere Expertinnen und Experten sowie Sachverständige für ihre Fachgebiete sicherstellen, dass beim Design und bei der Auslegung von Anlagen und Anlagenteilen alle relevanten Regelungen bekannt sind und berücksichtigt werden. Hierzu werden auch industrie- und anlagenspezifische Normen und Standards und Best Practices als Knowhow Basis zur Verfügung gestellt.
Weiterer wesentlicher Schritt zur Erreichung eines sicheren Designs sind Gefahren-, Gefährdungs- und Auslegungsanalysen (z.B. FMEA 2, HAZOP 3/PAAG 4, usw.), die bereits in der Auslegungsphase vor Inbetriebnahme durchgeführt werden, und die letztendlich alle störfallverhindernden und störfallbegrenzenden technischen und organisatorischen Maßnahmen festlegen. So legen sie auch die Einstufung der sicherheitsrelevanten Ausrüstungen fest. Die Umsetzung und Realisierung der Maßnahmen geschieht dann im Rahmen des Projektmanagement (siehe auch "Check" Schritt Sichere Technik)
Sichere Produktion ("DO") bedeutet die Umsetzung aller zuvor festgelegten Standards unter Einhaltung aller Vorgaben. Dies gilt sowohl beim kontinuierlichen Betrieb der Anlagen als auch bei An- oder Abfahren, sowohl bei Normalbetrieb, als auch bei Störungen. Es wird sichergestellt, dass die Produktion unter beherrschten und kontrollierten Bedingungen abläuft und auch etwaige Störungen beherrscht werden. Hier sind für die Produktion notwendige Vorgaben zu machen und zu dokumentieren.
Vorgaben müssen z.B. gemacht werden zum:
Verhalten bei Abweichungen und Störungen,
Sichere Technik ("CHECK") bedeutet, dass alle Produktions anlagen regelmäßig Instand gehalten werden. Dazu werden die Anlagen nach den Regeln der Technik und der Sicherheitstechnik und den Auflagen über die regelmäßigen wiederkehrenden Prüfungen, Inspektionen und Instandhaltungsmaßnahmen unterzogen. Es wird sichergestellt, dass die Instandhaltung der Anlagen so erfolgt, dass der Stand von Technik und Sicherheitstechnik überwacht und aufrechterhalten wird. Sichere Technik wird sichergestellt durch dokumentierte Vorgaben zur Durchführung von Projekten und Instandhaltung.
Sichere Organisation ("CHECK") bedeutet, dass sichergestellt wird, dass auch die Organisation regelmäßig überprüft wird. Außerdem muss nachgewiesen werden, dass die Organisation für die ihr gestellten Aufgaben geeignet, zweckmäßig und effizient ist. So wird geprüft, ob die Organisation auch auf neue Aufgaben und Herausforderungen vorbereitet wird. Sichere Organisation bedeutet, dass notwendige Vorgaben in den entsprechenden Dokumenten und Anweisungen im Rahmen des Sicherheitsmanagementsystems (SMS) dokumentiert sind. Die Überprüfung des SMS auf Aktualität, Richtigkeit und Einhaltung erfolgt durch die verschiedenen Audits und Reviews.
Im Rahmen von Sicherer Technik und Sicherer Organisation geht es auch um das Lernen aus Fehlern. Hierzu sind verschiedene Prozesse zu etablieren, so dass sichergestellt ist, dass Fehler erkannt und gemeldet, sie nicht wiederholt, sondern korrigiert und in Zukunft vermieden werden.
Sichere Änderungen (auch "Management of Change", MoC) ("ACT") bedeutet, dass eine Produktions anlage und die zugehörige Organisation ständig parallel zur Weiterentwicklung des Standes der Technik und der Sicherheitstechnik verbessert, oder entsprechend geänderten, produktionstechnischen oder gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Notwendigkeiten angepasst wird. Solche Änderungen müssen einem kontrollierten Prozess unterliegen (Systematisches Änderungsmanagement; "Management of Change"). In der Regel sind dazu Änderungen an der bestehenden Technik oder Organisation notwendig. Solche Änderungen müssen unter beherrschten und kontrollierten Bedingungen (siehe auch Sicheres Design und Sichere Technik und Sichere Organisation) ablaufen, um unsichere Situationen und Zustände zu vermeiden.
Die hierzu notwendigen Vorgaben sind vor allem im Rahmen der Regelungen zum "Management of Change" und Vorgaben zur Durchführung von Reparaturen und Änderungen festzulegen. Außerdem muss bei der Durchführung der Arbeiten vor Ort ein striktes Freigabeverfahren ("Permit to Work") angewendet werden.
5. Anforderungen an die Technik
5.1 Sicherheitsgerichtetes Anlagendesign
Die störfallverhindernden und auswirkungsbegrenzenden Maßnahmen zur Anlagensicherheit müssen in einem systematischen Prozess festgelegt, umgesetzt, überprüft und ständig verbessert werden. Dazu sollte ein Prozess, wie beispielhaft in Kapitel 4 dargestellt, im Unternehmen etabliert sein und regelmäßig durchgeführt werden.
Die Festlegung von sicherheitstechnischen und organisatorischen Maßnahmen erfolgt durch die Umsetzung von Stand der Technik und Stand der Sicherheitstechnik und im Rahmen von Gefahrenanalysen wie FMEA, HAZOP / PAAG, Fehlerbaumanalyse, Checklistenverfahren. Angestrebt werden sollte eine weitgehend eigensichere Auslegung und Prozessführung der Anlagen eines Betriebsbereiches nach dem Prinzip der Inhärenten Sicherheit:
Inhärente Sicherheit ist ein Prinzip, das im Rahmen eines systematischen Risikomanagements in allen Phasen von Design, Bau, Betrieb, Instandhaltung und Änderungen von Betriebsbereichen angewendet werden sollte. Die wesentlichen Prinzipien und Strategien von Inhärenter Sicherheit sind hier stichwortartig zusammengefasst [14]:
Da eine eigensichere Prozessführung in der Regel nicht vollständig möglich ist, resultieren letztendlich aus der spezifischen Gefahrenanalyse in einem Betriebsbereich auch die spezifischen, sicherheitstechnischen Maßnahmen. Prinzipielle Überlegungen und Prinzipen sind dabei zu berücksichtigen und angepasst auf die realen Verhältnisse im jeweiligen Betriebsbereich anzuwenden. Typische sicherheitstechnische Überlegungen und Prinzipien sind:
Schutz gegen einzelne Fehler und Ausfälle: Redundanzprinzip
Redundanz bedeutet, dass technische Sicherheitseinrichtungen aus mehreren gleichen und voneinander unabhängigen Teilsystemen bzw. Komponenten bestehen und davon mehr installiert sind, als zur Ausführung der Sicherheitsfunktion benötigt werden (z.B. zwei statt einer Pumpe). Damit wird gewährleistet, dass auch bei einem unterstellten Ausfall einzelner Komponenten die verbleibenden die Sicherheitsfunktion mit ausreichender Wirksamkeit ausführen können.
Damit die Funktionsfähigkeit der Sicherheitseinrichtungen nicht von einem zufälligen Versagen eines beliebigen einzelnen Systemteils abhängt, findet bei der Auslegung von Sicherheitseinrichtungen das Einzelfehlerkonzept (das heißt die Annahme, dass eine Sicherheitseinrichtung ausfallen kann) Anwendung.
Schutz gegen systematische Fehler und gemeinsam verursachte Ausfälle: Diversitätsprinzip
Diversität bedeutet, dass unterschiedliche Wirkungsprinzipien und Konstruktionen zum Einsatz kommen, damit im Anforderungsfall nicht alle redundanten Einrichtungen eines Sicherheitssystems aufgrund einer gemeinsamen Fehlerursache versagen (z.B. Auslösung einer Sicherheitsfunktion durch physikalisch unterschiedliche Grenzwerte, z.B. Temperatur oder Druck).
Schutz gegen übergreifende Fehler: Räumliche Trennung, baulicher Schutz, Entkopplung
Schutz gegen den Ausfall von Hilfsenergie: sicherheitsgerichtetes Ausfallverhalten ("Fail-Safe-Prinzip")
Bei einer Konstruktion nach diesem Prinzip führen Fehler selbsttätig zu Schutzaktionen. Bei einem Stromausfall fallen z.B. Fail-Safe-Armaturen in einen vorab definierten sicheren Zustand, z.B. AUF oder ZU.
Schutz gegen Fehlhandlungen: Automatisierung
Um zu vermeiden, dass das Betriebspersonal unter zu großem Zeitdruck zu viele Entscheidungen treffen muss, können Maßnahmen zur Beherrschung von kritischen oder Notfallsituationen automatisiert werden, so dass für bestimmte, vorgedachte Situationen keine weiteren Eingriffe des Betriebspersonals mehr nötig sind, z.B. automatische Abschaltung bei einer zu hohen Reaktortemperatur.
Für weitere Hinweise und Informationen wird auf den SFK-Leitfaden GS-33 "Schritte zur Ermittlung des Standes der Sicherheitstechnik" [15] hingewiesen.
5.2 Anlagensteuerung und Alarmmanagement
Zur Beherrschung von allen Betriebszuständen, insbesondere zur Vermeidung und Bewältigung von Notfallsituationen, sind bei der Gestaltung der Anlagen und der Mensch-Maschine-Schnittstelle die ergonomischen Grundsätze nach DIN EN ISO 26800 [16], 6385 [17], 11064 [18] und 10075-2 [19] zu beachten und nach DIN EN ISO 9241 [20] zur Dialoggestaltung folgende Kriterien zu berücksichtigen:
Zur weiteren Unterstützung des Anlagenpersonals in der Notfallsituation sind insbesondere folgende Punkte zu berücksichtigen:
Zur ergonomischen Gestaltung von Leitwarten finden sich ausführliche Empfehlungen in z.B. [21].
Generell sollte die Gestaltung der Alarmsysteme so vorgenommen werden, dass jeder Alarm das Personal warnt, informiert und leitet. Dafür ist es notwendig, dass jeder einzelne Alarm eindeutig die aufgetretene Situation identifiziert und eine konsistente Nachrichtenstruktur enthält, Fehlalarme selten auftreten, das Personal nicht belastet wird (bekannte Begriffe, konsistente Abkürzungen aus Betriebsunterlagen, kein Auswendiglernen, kein Alarmschwall, ausreichende Reaktionszeit), es eine einfache und vorgeschriebene Bedienerreaktion für jeden einzelnen Alarm gibt und das Bedienpersonal entsprechend ausgebildet ist [22], [23], [24].
Um dies zu erreichen, haben sich die folgenden Vorgehensweisen bewährt:
Zur Überprüfung der Optimierungsmöglichkeiten des Alarmsystems sind im Anhang 1, Anlage 3 Fragen aufgeführt.
6. Anforderungen an die Organisation
6.1 Aspekte einer Sicherheitskultur
Die Kultur des Unternehmens spielt auch bei der Bewältigung von Notfallsituationen eine wichtige Rolle. Wie einzelne Beschäftigte in der Notfallsituation reagieren, hängt auch von der Sicherheitskultur des Unternehmens ab. Eine hinterfragende Grundhaltung der Beschäftigten und eine entsprechend konservative Entscheidungsfindung in Sicherheitsfragen werden stark von dem Vorbild der Führungskräfte geprägt. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die Beschäftigten auch in der Notfallsituation angemessen reagieren, wenn die Führungskräfte als Vorbild agieren. Sie sollen z.B. vereinfachende Erklärungen ablehnen bzw. hinterfragen und auch kleinere Abweichungen von Regeln oder Prozessen ernstnehmen. Der Fokus auf kleinere Abweichungen kann ebenfalls dazu führen, dass "Vorboten" von Notfallsituationen als solche erkannt werden und die Organisation wirkungsvoll gegensteuern kann [25].
Die Beschäftigung mit Fehlern im Sinne einer Fehlerkultur, d. h. keine Suche von Schuldigen sondern Ursachenklärung und Lernen, stellt eine wesentliche Voraussetzung für eine "Lernende Organisation" dar. Systematisierte Meldungen von Fehlern, Abweichungen und Beinahe-Ereignissen beispielsweise in internen Berichtssystemen sowie deren Analyse im Hinblick auf zugrundeliegende Ursachen helfen potenzielle Schwachstellen zu identifizieren und Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Durch ein solches Vorgehen wird die Fähigkeit einer Organisation verbessert, die Situation schnell und zutreffend zu analysieren und auf Veränderungen zu reagieren.
Positive Sicherheitskultur ist durch einen wertschätzenden Umgang miteinander gekennzeichnet, der auf offener Kommunikation und Einbeziehung aller aufbaut und somit Ausgrenzungen einzelner Beschäftigter vermeidet. Offene Kommunikation bedeutet auch, dass jeder einzelne Beschäftigte mit Sorgen oder Fragen zu den Vorgesetzten oder Kollegen gehen kann, ohne Sanktionen fürchten zu müssen, und in seinem Anliegen ernst genommen wird.
6.2 Aspekte einer sicherheitsgerichteten Organisation
Damit sich Beschäftigte in Notfallsituationen entsprechend verhalten können (Kap. 2) und die in Kap. 4 und 5 beschriebenen Prozesse reibungslos ablaufen, muss die Organisation über angemessene Organisationsprinzipien verfügen. Diese beinhalten die zweckmäßige Gestaltung von z.B. Organisationsstruktur, Kongruenz von Aufgabe, Kompetenz und Verantwortung sowie Leitungsspanne. Die Organisationsstruktur umfasst die Aufbau- und Ablauforganisation. Organisationale Merkmale, durch die die Organisation robust für Notfallsituationen wird, helfen der Organisation ebenfalls, Notfallsituationen zu vermeiden, besser zu bewältigen bzw. schneller zur Normalsituation zurückzukehren.
Hier ist zunächst die Ausgewogenheit zwischen Kompetenzen und Befugnissen einerseits und
Aufgaben und Verantwortung andererseits zu nennen. Das bedeutet beispielsweise, dass Beschäftigte ohne Befugnisse nicht verantwortlich für Entscheidungen sind bzw. gemacht werden können.
Auch die Leitungs- oder Führungsspanne, d. h. die Zahl der einer Führungskraft untergeordneten Beschäftigten spielt eine wichtige Rolle und soll von der Organisation sinnvoll festgelegt werden. Die Führungsspanne wird z.B. durch folgende Faktoren beeinflusst:
Wichtig ist ebenfalls, dass die Organisation ihre Ziele ausbalanciert, so dass nicht aufgrund von Produktionsdruck Sicherheit nebensächlich wird. Es ist zu vermeiden, dass in Managementsystembeschreibungen die Bedeutung von Sicherheitszielen betont, im Alltag jedoch nur Indikatoren für wirtschaftliche Ziele erhoben werden. Auch in die Leistungsbewertung müssen beide Ziele einfließen, so dass die Ausbalancierung der Ziele ermöglicht wird [28], [29], [8].
Die Organisation muss sich auf eine mögliche Notfallsituation vorbereiten. Dazu gehört eine Planung für die Notfallsituation. Mit dieser sollen Organisations- und Aufgabenverteilung eindeutig festgeschrieben sowie klare Regeln für Handlungen und Verhalten gegeben werden.
Auch das Aufstellen von Entscheidungsregeln sowie die Festlegung von Entscheidungskompetenzen in Notfallsituationen sollte geplant werden (Beispielhaft kann hier FORDEC [11], Kap. 3.2 angeführt werden).
Zur Vorbereitung auf Notfallsituationen sind die vorhandenen Ausrüstungsgegenstände und Hilfsmittel einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Da die Notfallsituation in der Regel von den Beteiligten als Stress erlebt wird (s. Kap. 2.2), sollten alle Aspekte, die zusätzliche mentale Kapazitäten erfordern, minimiert werden. Dafür ist eine ergonomische Gestaltung von Anzeigen wichtig, z.B. sollten die wichtigsten Parameter in entsprechender Größe und Farbe hervorgehoben werden (s. Kap. 5) oder beispielsweise Schlauchanschlüsse farbig gekennzeichnet werden. Im Anhang 1, Anlage 4 sind Beispiele für eine besonders gelungene Gestaltung dargestellt.
Arbeitsanweisungen sollen folgende Anforderungen erfüllen [30]:
Das Abarbeiten von Arbeitsschritten kann ggf. durch Checklisten erleichtert werden, die entsprechend vorbereitet werden sollen (s. Anhang 1, Anlage 5). Anweisungen für den Notfall sollten kurz, präzise und einfach verständlich sein sowie sich auf das Wesentliche beschränken. Hilfreich ist es, solche für typische Ausfallszenarien (u.a. von Strom und Kühlung) auch in Papierform griffbereit zu haben.
Bei der Planung ist auch zu berücksichtigen, ob in der Notfallsituation ggf. verschiedene Aufgaben von mehreren Personen gleichzeitig durchgeführt werden sollen. Ist dies der Fall, müssen die Arbeitsanweisungen mindestens in entsprechender Anzahl vorhanden sein. Weiterhin ist zu prüfen, ob einzelne Handlungsschritte an entfernten Orten durchgeführt werden müssen, auch dort sollten dann Anweisungen vorhanden sein, bzw. die entsprechenden Seiten als "Mitnahmeexemplar" gestaltet werden. Sollen Hilfsmittel, Komponenten oder Anlagenteile verwendet werden, die nicht täglich gebraucht werden, sind Abbildungen in den Anweisungen eine geeignete Gedächtnisstütze für die Handelnden.
Als absolut notwendig hat sich das Vorhalten von aktuellen Telefonlisten, Melde- und Alarmierungslisten erwiesen (s. Anhang 1, Anlage 6).
6.3 Notfallmanagement Technische Einsatzleitung, Krisenstab
Im Folgenden werden verschiedene Aspekte und Besonderheiten der Notfallorganisation anhand von Beispielen aus größeren chemischen Betrieben beschrieben.
Für KMU gelten aber entsprechende Anforderungen und sollten in angemessener Weise umgesetzt werden. So erscheint es z.B. als gute Praxis, dass Betriebe, die nicht über entsprechende eigene Ressourcen verfügen, sich mit den entsprechenden externen Kräften (z.B. Behörden, Feuerwehren, Katastrophenschutzbehörden, usw.) zusammensetzen und für eventuelle Notfälle ein gemeinsames Vorgehen im Sinne des hier beschriebenen vereinbaren (siehe auch VCI-Leitfaden [31], Musterkonzept für die Notfallplanung, LANUV NRW [32]).
Strukturelle Aspekte
Zur Umsetzung der entsprechenden gesetzlichen Regelungen (u.a. StörfallV) und zur Vorbereitung auf eventuelle Notfallsituationen wird empfohlen, folgenden Aufgaben spezifisch benannten Stellen in der Organisation zuzuweisen, präventiv zu üben und zu überprüfen. Diese sollten auch im Rahmen eines Notfallmanagements dokumentiert und im Ereignisfall abgearbeitet werden:
Dazu sind auf betrieblicher und behördlicher Seite Organisationseinheiten (Stäbe) einzurichten. Sie setzen sich i.d.R. aus einer operativen ("technischen") Einsatzleitung (TEL) und einem administrativorganisatorischen Stab (Krisenstab) zusammen. Diese Stäbe sind eine besondere Organisationsform, die keine ständigen Einrichtungen sind und ereignisabhängig für einen begrenzten Zeitraum nach einem vorbestimmten Organisationsplan gebildet und besetzt werden.
Die Technische Einsatzleitung leitet und verantwortet die Maßnahmen der operativen Gefahrenabwehr und wird durch die Werk- oder die öffentliche Feuerwehr gestellt. Sie ist für die unmittelbaren Maßnahmen am Einsatzort und die Kommunikation zu externen Gefahrenabwehrorganisationen sowie zum Krisenstab verantwortlich.
Mitglieder der technischen Einsatzleitung sind Führungskräfte der internen Gefahrenabwehrorganisation, d. h. zum Beispiel der Werkfeuerwehr und der Werksicherheit. In Betrieben, die nicht über eine Werkfeuerwehr verfügen, liegt die Führung der Technischen Einsatzleitung bei der für die Gefahrenabwehr zuständigen Behörde. In Katastrophenfällen gilt dies auch bei Unternehmen mit eigener Werkfeuerwehr.
Unabhängig von der Verfügbarkeit einer Werkfeuerwehr sollten Betrieb und Behörde jeweils einen Krisenstab einrichten. Den Krisenstäben des Betriebes obliegt die Koordination unterstützender Maßnahmen für die Gefahrenabwehr, sie verantworten die Kommunikation nach innen und außen und vertreten das Unternehmen gegenüber Behörden und Öffentlichkeit. Sie werden von Personen mit Schlüsselqualifikationen (siehe unten) besetzt, unter der Leitung einer verantwortlichen Person mit Führungserfahrung, um auch unter Druck schnelle Entscheidungen treffen zu können.
Ein typischer Stab setzt sich zusammen aus Werksleiter oder Werksleiterin, Ereignismanager oder Ereignismanagerin sowie Personen aus den Funktionsbereichen Kommunikations- und Öffentlichkeitsarbeit, Gesundheit, Sicherheit und Umwelt.
Außerdem ist eine Vertretung des betroffenen Bereiches hinzuzuziehen, die Aussagen zu den Anlagen und Stoffen treffen kann.
Alle diese Funktionen sind in einer kontinuierlichen 24/7-Bereitschaft vorzuhalten.
Die Unternehmensleitung (zum Beispiel CEO 5) sollte auf keinen Fall die Führung des Krisenstabes übernehmen. Ihre Aufgabe liegt eher in der Bewältigung der verschiedenen Schnittstellen zu den Stakeholdern (zum Beispiel Kunden, Öffentlichkeit).
Die Befugnisse eines Krisenstabes im Ereignisfall sind in einer Vereinbarung mit den produzierenden Bereichen zu regeln:
Des Weiteren sind folgende Regeln für die Gestaltung von Krisenstäben einzuhalten [33]:
In der umseitigen Tabelle 3 sind die typischen, zum Teil auch parallel zu bewältigenden Aufgaben des Krisenstabs dargestellt.
Entscheidend sind Festlegungen über die personelle Besetzung des Krisenstabs, der Krisenstabsräume, der Prozesse und der Kommunikationstechnik. Daher sind schriftliche Funktionsbeschreibungen mit Aufgaben, Verantwortlichkeiten, Kompetenzen und Schnittstellen notwendig. Es ist darauf zu achten, dass konkurrierende Doppelaufgaben vermieden werden.
Der Krisenstab kann und soll externe Unterstützung für folgende Aufgaben einholen, falls diese notwendig sind und nicht im Unternehmen geleistet werden können:
Tab. 3: Typische Aufgaben des Krisenstabs
In komplexen Werken oder Chemieparks benötigt der Krisenstab für die Erfüllung seiner Aufgaben Informationen aus den Betrieben:
Angaben über Stoffe und Produkte z.B. aus:
Es ist ein Krisenstabsraum einzurichten, der mit der geeigneten Technik für das Krisenmanagement ausgestattet ist. Hier ist zu überlegen, welche Technik, z.B. Kommunikationsmittel, redundant ausgelegt sein soll und für welche eine Notstromversorgung zu planen ist. Es ist dafür zu sorgen, dass die Technik regelmäßig geprüft und ggf. Instand gehalten wird. Die Verwendung der technischen Hilfsmittel sollte geschult werden. Die Schnittstellen zu anderen Organisationen / Stäben sind zu planen und geeignetes Personal ist vorzuhalten.
Mitglieder von Krisenstäben müssen über die individuellen Kompetenzen:
sowie über organisatorisch strategische Fähigkeiten verfügen:
Führungskräfte müssen flexibel führen, beispielsweise während einer sehr dynamischen Lage direktiv, aber in Vor- und Nachbereitung offen und integrativ.
Mitglieder von Krisenstäben sollen daher Personen sein, die die oben genannten Kompetenzen aufweisen, eine langjährige belastungserprobte Erfahrung im Umgang mit Ereignissen, mit komplexen Fragestellungen, mit interdisziplinär zusammengesetzten Teams und im Umgang mit Behörden- und Pressevertretern haben. Sie sollten sich im Regelwerk im Bereich Umweltschutz, Sicherheit, Gesundheit und Qualität auskennen (zum Beispiel Meldeverpflichtungen nach Störfall-Verordnung oder Betriebssicherheitsverordnung).
Schulung
Da sich die Notfallsituation grundlegend von der Normalsituation unterscheidet (s. Kap. 2.2) und fehlende Vorbereitung zu Fehlern und Scheitern führen kann, wie im Kap. 3.2 dargestellt wurde, sollten regelmäßige Schulungen durchgeführt werden. Auch Übungen im Sinne von Simulationen sollten in regelmäßigen Abständen trainiert werden. Beispielsweise können folgende Übungen abwechselnd durchgeführt werden [33], [34], [12]:
Sehr aktuell ist die Nutzung von virtueller Realität für Unfallsimulatoren, die in Verbindung mit dem Simulator des Prozessleitsystems auch für das Notfalltraining von Anlagenpersonal genutzt werden können [35], [36]. Außerdem hat es sich als äußerst hilfreich erwiesen, mit den Mitgliedern von Krisenstäben Medientrainings durchzuführen. Diese Trainings werden kommerziell angeboten.
Neben der Schulung / Übung an sich ist deren kritische Begleitung und Bewertung ebenso wichtig. Nur aus dieser kann gelernt werden, was verbessert werden muss, wo Schwierigkeiten liegen, welche Schnittstellen nicht ausreichend geplant waren etc. Nur durch ein kontinuierliches Lernen aus diesen Erfahrungen ist das Unternehmen für den Ernstfall vorbereitet.
Auch kleinen und mittleren Betrieben wird empfohlen, mit örtlichen Feuerwehren, Behörden und Polizei Übungen durchzuführen.
7. Sicherheitsmanagementsystem
Unternehmen, die als Betriebsbereich der Störfall-Verordnung unterliegen, müssen über ein Sicherheitsmanagementsystem (SMS) im Sinne der Störfall-Verordnung [2] verfügen. Die Anforderungen, welche ein SMS erfüllen muss, werden im Anhang III der Störfall-Verordnung beschrieben.
Die in den vorherigen Kapiteln dieses Leitfadens beschriebenen besonderen Anforderungen an Sicherheitstechnik und Sicherheitsorganisation zur Unterstützung von Anlagenpersonal in Notfallsituationen sind in die Struktur eines SMS einzubinden.
Die umseitige Tabelle gibt einen Anhaltspunkt dafür, in welchen Bereichen / Prozessen des SMS eines Betriebsbereiches sich diese Anforderungen wiederfinden könnten. Der Bereich / Prozess, in welchem sich Regelungen zu den Anforderungen der einzelnen Kapitel dieses Leitfadens am wahrscheinlichsten finden, ist mit einem vollen Punkt gekennzeichnet, die ungefüllten Punkte markieren weitere mögliche Prozesse. Die erste Zeile der Tabelle orientiert sich am KAS-19-Leitfaden "Überarbeitung und Zusammenführung der Leitfäden SFK-GS-23 und -24 zum Konzept zur Verhinderung von Störfällen und zum Sicherheitsmanagementsystem" (insbes. Anlage 3 des KAS-19-Leitfadens) [37].
Tab. 4: Zuordnung der Anforderungen des SMS zu den Kapiteln des Leitfadens
8. Literatur
[1] KAS-20 (2011). Leitfaden des Arbeitskreises Menschliche Faktoren. Kompetenzen bezüglich menschlicher Faktoren im Rahmen der Anlagensicherheit. (Betreiber, Behörden und Sachverständige). http://www.kasbmu.de/publikationen/kas/KAS20.pdf
[2] Zwölfte Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (Störfall-Verordnung - 12. BImSchV); Fassung vom 08. Juni 2005 (BGBl. I S. 1598), die durch Artikel 1 der Verordnung vom 14. August 2013 (BGBl. I S. 3230) geändert worden ist.
[3] ASM Consortium Guidelines (2008). Effective Operator Display Design. Pepared by: ASM Joint R&D Consortium Peter Bullemer, Dal Vernon Reising, Catherine Burns, John Hajdukiewicz, and Jakub Andrzejewski, USA.
[4] Hofinger, G. (2007). Fehler und Fallen beim Entscheiden in kritischen Situationen, in S. Strohschneider (Hrsg.), Entscheiden in kritischen Situationen, S. 115-136. Frankfurt: Verlag für Polizeiwissenschaft.
[5] Dörner, D. (1989). Die Logik des Misslingens - Strategisches Denken in komplexen Situationen. Reinbeck: Rowohlt.
[6] Schaub, H. & Strohschneider, S. (1992). Die Auswirkungen unterschiedlicher Problemlöseerfahrung auf den Umgang mit einem unbekannten komplexen Problem. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie 36, 117-126.
[7] Janis, I.L. (1972). Victims of groupthink: A psychological study of foreignpolicy decisions and fiascoes. Boston: Houghton Mifflin.
[8] Hopkins, A. (2012) Disastrous decisions. The human and 24raining24ional causes of the Gulf of Mexico blowout. CCH Australia Limited
[9] Strohschneider, S. (2008). Führung im kulturellen Kontext, in C. Buerschaper & S. Starke (Hrsg.) Führung und Teamarbeit in kritischen Situationen, S.41-53. Frankfurt: Verlag für Polizeiwissenschaft.
[10] Badke-Schaub, P. (2008). Teamarbeit und Teamführung: Erfolgsfaktoren für sicheres Handeln. In C. Buerschaper & S. Starke (Hrsg.): Führung und Teamarbeit in kritischen Situationen, S. 3-19. Frankfurt: Verlag für Polizeiwissenschaft.
[11] Hörmann, H.-J. (1995). FOR-DEC. A prescriptive model for aeronautical decision making. In R. Fuller, N. Johnston, N. McDonald (Eds.): Human Factors in Aviation Operations. Proceedings of the 21 st Conference of the European Association for Aviation Psychology (EAAP), (Vol. 3), (pp. 17-23). Aldershot Hampshire, Avebury Aviation.
[12] Strohschneider, S. (2007). Krisenstabstraining: Das Nicht-Planbare vorbereiten.In S. Strohschneider (Hrsg.): Entscheiden in kritischen Situationen, S. 97-112. Frankfurt: Verlag für Polizeiwissenschaft.
[13] Herrmann, J., Schwiederowski, C. & Ruddat, A. (2012). Plant and Process Safety, 8. Management of Safety in the Chemical and Petrochemical Industry. Ullmann's Encyclopedia of Industrial Chemistry. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14356007.q20q07/full
[14] Kletz, T. A. & Amyotte, P. (2010). Process plants: a handbook for inherently safer design. (2nd edition. Boca Raton: Taylor & Francis Group.
[15] SFK-GS-33 (2002). Leitfaden. Schritte zur Ermittlung des Standes der Sicherheitstechnik. http://www.kasbmu.de/publikationen/sfk/sfkgs33.pdf
[16] DIN EN ISO 26800 (2011). Ergonomie - Genereller Ansatz, Prinzipien und Konzepte.
[17] DIN EN ISO 6385 (2004). Grundsätze der Ergonomie für die Gestaltung von Arbeitssystemen.
[18] Reihe DIN EN ISO 11064 (Nr. 1-7) (2000-2008). Ergonomische Gestaltung von Leitzentralen.
[19] DIN EN ISO 10075-2 (2000). Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung, Teil 2: Gestaltungsgrundsätze.
[20] DIN EN ISO 9241-110 (2006). Ergonomie der Mensch-System-Interaktion - Teil 110: Grundsätze der Dialoggestaltung.
[21] Bockelmann, M.; Nachreiner, F. & Nickel, P. (2012). Bildschirmarbeit in Leitwarten - Handlungshilfen zur ergonomischen Gestaltung von Arbeitsplätzen nach der Bildschirmarbeitsverordnung. F 2249. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.
[22] Namur (2005). Worksheet NA 102. Alarmmanagement. AK 2.9, Dezember 2005.
[23] EEMUA (2007). Alarm Systems: A Guide to Design, Management and Procedurement. EEMUA Publication No 191. The Engineering Equipment and Materials Users Association: London.
[24] DIN EN 62682 (2013 - Entwurf). Alarmmanagement in der Prozessindustrie.
[25] Weick, K.E. & Sutcliffe, K. (2007). Managing the unexpected: Resilient performance in an age of uncertainty. 2nd edition. San Francisco: Wiley & Sons.
[26] Springer Gabler Verlag (Hrg.) (online). Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort:
Leitungsspanne.
http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/8736/leitungsspanne-v8.html
[27] Staehle, W. (1991). Management (6. Auflage). München: Franz Vahlen.
[28] KAS-7 (2008). Bericht des Arbeitskreises Texas City. Empfehlungen der KAS für eine Weiterentwicklung der Sicherheitskultur. Lehren nach Texas City 2005. http://www.kasbmu.de/publikationen/kas/KAS7.pdf
[29] HSE (2006). Developing process safety indicators. A stepby-step guide for chemical and major hazard industries. London: HSE.
[30] McGrath, B. (2008). Programme for the Assessment of NDT in Industry, PANI 3 [ Report No. RR6171. Health and Safety Executive. http://www.hse.gov.uk/research/rrpdf/rr617.pdf
[31] VCI-Leitfaden Notfallmanagement - Gefahrenabwehr, 2010. https://www.vci.de/Downloads/128427-Leitfaden%20Notfallmanagement.pdf
[32] Landesumweltamt Nordrhein-Westfalen (2004). Merkblätter Band 45: Musterkonzept für die Notfallplanung. http://www.1anuv.nrw.de/veroeffentlichungen/merkbl/merk45/merk45web.pdf
[33] BMI (2011). Schutz kritischer Infrastrukturen - Risiko- und Krisenmanagement. Leitfaden für Unternehmen und Behörden. http://www.bmi.bund.de/Shared Docs/Downloads/DE/Broschueren/2008/Leitfaden Schutz kritischer Infrastrukturen.pdf; jsessionid="x'9A3CBCF642E53E2AC3241A740EFB9" C1F.2 cid364? blob="publication" File
[34] Gomez, E. A. (2008). Crisis Response Communication Management: Increasing Message Clarity with Training over Time, in F. Fiedrich & B. van de Walle (Hrsg.): Proceedings of the 5 th International Conference on Information Systems for Crisis Response and Management ISCRAM2008, 368-375.
[35] Manca, D., Brambilla, S., & Colombo, S. (2013) Bridging between virtual reality and accident simulation for training of processindustry operators. Advances in Engineering Software 55, 1-9.
[36] Brambilla, S. & Manca, D. (2011) Recommended features of an industrial accident simulator for the training of operators. Journal of Loss Prevention in the Process Industries 24, 344-355.
[37] KAS-1 9 (2011). Leitfaden des Arbeitskreises "Überarbeitung und Zusammenführung der Leitfäden SFK-GS-23 und -24" zum Konzept zur Verhinderung von Störfällen und zum Sicherheitsmanagementsystem. 2. überarbeitete Fassung. http://www.kasbmu.de/publikationen/kas/KAS19.pdf
| Praxisbeispiele | Anhang 1 |
| Verfahren für Entscheidungen unter Unsicherheit und Zeitdruck (Quelle Chemiepark Marl) | Anlage 1 |
| Beispiel für "Aufgabenangemessenheit", Prozessleitsysteme (Quelle: Evonik Industries AG, Chemiepark Marl) | Anlage 2 |
| Fragenliste 6für das Schwerpunkt-Inspektions-Programm (SIP) IV "Alarmmanagement" in Betriebsbereichen (Quelle: LANUV NRW) | Anlage 3 |
Bei der Inspektion des Betriebsbereiches (BB) wird ein zweimaliges Aufsuchen der Leitwarte angestrebt: Ein erstes Bekanntmachen mit der Situation, danach die Bearbeitung der Fragenliste und anschließend eine vertiefte Prüfung in der Leitwarte.
A. Management/Organisation
B. Alarmgestaltung und Organisation
C. Alarmübertragung
| Gelungene Gestaltung (Quelle: Evonik Industries AG, Chemiepark Marl) | Anlage 4 |
Gelungene Gestaltung
Stellungsmarkierungen an Handhähnen
(rot = geschlossen; grün = geöffnet)
Quelle: Clariant Produkte (D) GmbH
Löscheinrichtung
Quelle: Clariant Produkte (D) GmbH
Klare Handlungsanweisung
Quelle: Clariant Produkte (D) GmbH
| Checkliste Sofortmaßnahmen (Quelle: Alarm- und Gefahrenabwehrplan, Industriepark Höchst) | Anlage 5 |
| Name des Unternehmens | Ausfall/Störung der Stromversorgung | Betriebsname: Version: Stand: | ||||||
1) Erstalarmierung
2) Sofortmaßnahmen (beispielhaft) Bei Störungen in der Stromversorgung sind zur Gewährleistung der Sicherheit des Betriebs umgehend Maßnahmen von Seiten des Betriebs zu ergreifen. Jede® Anlagenfahrer/in hat sofort seinen/ihren Arbeitsplatz aufzusuchen und seine/ihre Anlage zu überprüfen.
3) Entwarnung
Nach Wiederherstellung der Stromversorgung:
4) Dokumentation
| ||||||||
| Vorbereitung auf Notfallsituationen: Alarmierungsliste (Quelle: Alarm- und Gefahrenabwehrplan Industriepark Höchst) | Anlage 6 |
Meldekette
(Quelle: Alarm- und Gefahrenabwehrplan Industriepark Höchst )
Quelle: Clariant Produkte (D) GmbH
| Stoffkurzbewertungen | Anlage 7 |
Stoffinformation / Kurzbewertung
| Chemischer Name: | Salzsäure |
| C A S- N r.: | 7647-01-0 |
1. Allgemeine Angaben
1.1 Beschaffenheit
Wasserhelle bis gelbliche rauchende Flüssigkeit mit stechendem Geruch (30-37 %ige wässrige Lösung).
Farbloses, ätzendes, beständiges und unbrennbares Gas mit stechendem Geruch (99 %iges Produkt).
1.2 Zusammensetzung / Reinheit
Das technische Produkt ist eine 30-37 %ige Lösung in Wasser.
Das 99%ige Produkt liegt handelsüblich verflüssigt in Druckbehältern vor.
1.3 Verwendung
Als starke anorganische Säure spielt Salzsäure in der chemischen Industrie und in an- deren Industriezweigen eine vielfältige Rolle.
0,1-0,5 %ige Salzsäure ist im Magensaft des Menschen und der höheren Tiere vorhanden.
2. Physikalisch-chemische Daten
| 2.1 | Dichte: | 1,18 g/cm3 bei 20 °C (Salzsäure chem. rein 37 %) |
| 2.2 | Dampfdruck: | hoch (190 hPa bei 20 °C) (Salzsäure chem. rein 37 %)
hoch (ca. 186 hPa bei 20 °C) (Chlorwasserstoff (HCl)) |
| 2.3 | Henry-Konstante: | aus Wasser stark flüchtig
(2,45 x 103 Pa x m3/mol bei 25 °C) |
| 2.4 | Wasserlöslichkeit: | gut löslich (ca. 690 g/l bei 10 °C)
(Chlorwasserstoffgas) |
| 2.5 | Verteilungskoeffizient n-Oktanol/Wasser (log Pow): | eine Bioakkumulation ist nicht zu erwarten (log Pow: 0,25) |
| 2.6 | Siedepunkt: | 45 °C (Salzsäure chem. rein 37 %) |
| 2.7 | Flammpunkt: | nicht brennbar (H C l, Salzsäure chem. rein 37 %) |
| 2.8 | Explosionsgrenzen in Luft: | untere Explosionsgrenze: ---
obere Explosionsgrenze: --- |
| 2.9 | Erstarrungspunkt: | ca. -30 °C (Salzsäure chem. rein 37 %) |
3. Toxikologie
Die starke lokale Reiz- und Ätzwirkung der Substanz steht im Vordergrund, weitere Untersuchungen zu unvollständig charakterisierten Gefahrenmerkmalen sind daher nicht vordringlich. Da Chlorwasserstoff (Gas) in den Wassertröpfchen der Luft oder im Feuchtigkeitsfilm von Schleimhäuten rasch zu Salzsäure (Lösung) dissoziiert, werden unvollständig untersuchte Endpunkte durch Chlorwasserstoff-Daten ergänzt.
Nach Erfahrungen am Menschen verursacht Salzsäure Reizungen und Verätzungen an Haut und Schleimhäuten. Chlorwasserstoff reizt und schädigt ebenfalls Haut, Augen und Atmungsorgane. Im Vergleich zu allen getesteten Tierarten ist der Mensch gegenüber der Reizwirkung nach inhalativer Aufnahme von Chlorwasserstoff deutlich empfindlicher.
Bei Arbeitern, die einen Teil ihrer Arbeitszeit Chlorwasserstoffkonzentrationen ausgesetzt waren, die über dem MAK-Wert lagen, wird über Schäden an den Schneide- zähnen berichtet.
4. Ökotoxizität
Die toxische Wirkung für aquatische Organismen wird hauptsächlich durch den pH-Wert der wässrigen Lösung bestimmt und beginnt unterhalb von pH 6. Ebenfalls von Relevanz ist die Hitzeentwicklung bei der Reaktion mit Wasser. Nach Neutralisation ist nur noch die relativ geringe Schadwirkung der entstehenden Salze vorhanden.
5. Verhalten in der Umwelt
Salzsäure vermischt sich bei Austritt in Wasser vollständig mit ihm und bildet auch noch in starker Verdünnung ätzende Mischungen.
Die Flüssigkeit verdampft unter Nebelbildung, dieser ist schwerer als Luft und schlägt sich auf Boden und Gegenstände nieder. Ein Transport in das Grundwasser ist möglich, wenn die Säure nicht mittels der Bodeninhaltsstoffen neutralisiert wird.
Aus Wasser ist Salzsäure stark flüchtig.
Das Gas bildet mit feuchter Luft stark korrosiven weißen Salzsäurenebel.
Eine Anreicherung in Organismen, im Boden, im Wasser, im Sediment oder in der Luft ist nicht zu erwarten.
| Mitglieder des Arbeitskreises | Anhang 2 |
| NAME | INSTITUTION / ORGANISATION |
| Dr. Babette Fahlbruch | TÜV NORD Systems GmbH & Co. KG |
| Ing. Anne-Kathrin Fiedler M. Sc. | Bergische Universität Wuppertal |
| Dr. Ursula Fischbach (Vorsitz) | Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland e. V. (BUND) |
| Dipl.-Umw. Begoña Hermann | Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord |
| Dr. Jürgen Herrmann | hjH CONSULTING GmbH |
| Dr. Klaus-Dieter Kaßmann | Evonik Industries AG |
| Dipl.-Ing. Bettina Lafrenz | Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BauA) |
| Dipl.-Psych. Boris Ludborzs | Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) |
| Dr. Volker Matz | Clariant Produkte (DE) GmbH |
| Dipl.-Ing. Birgit Richter (Stellv. Vorsitz) | Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) |
| Dr. Volker Matz | Clariant Produkte (DE) GmbH |
| Dipl.-Ing. Birgit Richter (Stellv. Vorsitz) | Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) |
| Dr. Günther Roßmann | Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. |
| BMUB | |
| Dipl.-Ing. Oliver Ludwig | Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit |
| Geschäftsstelle der KAS | |
| Dipl.-Ing. Hans-Siegfried Göbel | GFI Umwelt - Gesellschaft für Infrastruktur und Umwelt mbH |
1) Bei Einfachreaktionen (das Aufleuchten eines Signals soll einen bestimmten Tastendruck auslösen) beträgt die Reaktionszeit mindestens 100-150 ms, bei Wahlreaktionen (auf mehrere Anzeigen soll jeweils spezifisch reagiert werden) mit 3 empfangenen Reizen mindestens 225 ms, bei einer überraschenden komplexen Störsituation in Leitwarten 60.000 ms.
2) Fehlzustandsart- und -auswirkungsanalyse (Failure Mode and Effects Analysis)
3) Hazard and Operability Study
4) Prognose von Störungen, Auffinden von Ursachen, Abschätzen von Auswirkungen, Gegenmaßnahmen bewerten
5) Geschäftsführer oder Geschäftsführerin (Chief Executive Officer
6) Die Fragenliste wurde auf Grundlage des HSE Informationsblattes Nr. 6 "Besserer Umgang mit Alarmen" erstellt.
7) NAMUR Arbeitsblatt NA 102, Def. Alarm: Meldung, die eine unverzügliche Reaktion des Operators erfordert. Reaktion kann dabei z.B. ein Bedieneingriff, erhöhte Aufmerksamkeit oder das Veranlassen weiterer Untersuchungen bedeuten.
| ENDE | |