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Coliforme Bakterien im Trinkwasser
Empfehlung zur Risikoabschätzung und Maßnahmen bei systemischer Kontamination
Empfehlung des Umweltbundesamtes nach Anhörung der Trinkwasserkommission des Bundesministeriums für Gesundheit beim Umweltbundesamt
(Bundesgesundheitsbl. Nr. 4/2009 S. 474)
1 Einleitung
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur hygienisch-medizinischen Bedeutung, zur Ökologie, zum Ausbreitungsverhalten und zur Übertragung coliformer Bakterien [1, 2, 3, 4, 5, 6] sowie offene Fragen im Hinblick auf die Bewertung von coliformen Bakterienbefunden insbesondere durch den Einsatz alternativ zugelassener Nachweisverfahren [7] mit unterschiedlichen Nachweisprinzipien und ermittelten Mikroorganismenspektren (und der sich im ständigen Wandel befindlichen Nomenklatur) haben bei der hygienischen Bewertung und der Entscheidungsfindung über entsprechende Maßnahmen wiederholt zu Unsicherheit und offenen Fragen geführt.
Die Trinkwasserkommission stellt fest, dass das Vorkommen coliformer Bakterien
Ziel dieser Empfehlungen ist es, den Gesundheitsbehörden beim Nachweis von coliformen Bakterien im Trinkwasser eine
Hilfestellung bei der gesundheitlichen Gefährdungseinschätzung und den zu veranlassenden Maßnahmen zu geben [9].
Die Bewertung eines Nachweises coliformer Bakterien kann unterschiedlich erfolgen, je nachdem in welchem Bereich der Trinkwasserversorgung (Rohwassergewinnung und Aufbereitung im Wasserwerk - Verteilungsnetz - Trinkwasser-Installation in Gebäuden) dieser Nachweis erfolgte.
Angesichts der hygienischen Problemlage in Einrichtungen der medizinischen Behandlung und Betreuung werden auch krankenhaushygienische Konsequenzen dargestellt, soweit sie für das Vorgehen der Gesundheitsbehörden im Nachweisfall relevant sind.
2 Auftreten von coliformen Bakterien bei der Trinkwasseruntersuchung
Die Anforderungen an die Auswahl repräsentativer Probennahmestellen und an die fachgerechte Probennahme nach DIN EN ISO 19458 [10] sind einzuhalten. Um Fehlinterpretationen bei der Bewertung auszuschließen, ist der Ablauf der Probennahme nach Tab. 1 der oben genannten Norm zu dokumentieren.
Beim Nachweis von coliformen Bakterien im Trinkwasser muss unterschieden werden zwischen
Inhalte dieser Empfehlung sind die Gefährdungseinschätzung und die Ableitung von Maßnahmen bei Feststellen einer systemischen Kontamination (siehe Fall b).
Eine systemische Kontamination weist darauf hin, dass von einer zentralen Stelle, zum Beispiel aufgrund einer hohen Rohwasserbelastung mit coliformen Bakterien, unzureichender Aufbereitung von Leckagen oder Baumaßnahmen sowie Biofilmen im Wasserverteilungsnetz und in der Trinkwasser-Installation, weitere Teile des Wasserversorgungssystems kontaminiert worden sind.
Eine bestätigte systemische Kontamination mit coliformen Bakterien erfordert immer unverzüglich eine Ursachenforschung und nach Risikobewertung geeignete kurzfristige Abhilfemaßnahmen (zum Beispiel Spülungen, Desinfektionsmaßnahmen, gegebenenfalls zeitweilige Installation endständiger Sterilfilter in Risikobereichen von medizinischen Einrichtungen) [11].
Unverzüglich bedeutet Einleiten von Maßnahmen ohne schuldhaftes Zögern nach Mitteilung eines entsprechenden Befundes.
3 Nachweisverfahren
Nach TrinkwV 2001 sind zwei Nachweisverfahren sowohl für E. coli als auch für coliforme Bakterien zugelassen [12].
Beim Referenzverfahren nach DIN EN ISO 9308-1 [13] kann Begleitwachstum mit der Anzahl nachgewiesener coliformer Bakterien und E. coli interferieren, wie zum Beispiel bei Proben aus Flachbrunnen oder Oberflächenwässern. Deshalb eignet sich diese Methode (bestimmungsgemäß auch nach DIN EN ISO 9308-1) nur für die Untersuchung von Wässern mit wenig Begleitflora und niedrigen Bakterienzahlen.
Für das alternativ zugelassene Colilert®-18/Quanti-Tray® Verfahren [14] gelten diese Einschränkungen nicht. Mit dieser Methode lassen sich also auch Wässer mit viel Begleitflora gut untersuchen.
Unabhängig vom Verfahren ist beim Nachweis coliformer Bakterien in 100 ml Wasserprobe immer von einer Grenzwertüberschreitung auszugehen. Es kann nicht mit dem Hinweis auf das andere Nachweisverfahren auf weitere Ursachenabklärung oder risikominimierende Maßnahmen verzichtet werden. Die Wiederholungsuntersuchung sollte immer mit dem Verfahren erfolgen, mit dem die Grenzwertüberschreitung festgestellt wurde.
Beide Verfahren sind nach ISO 17994 [15] als mindestens gleichwertig anzusehen und liefern (nach statistischer Betrachtung) auch vergleichbare Ergebnisse. In einzelnen Fällen können sie aber aufgrund der jeweils spezifischen Nachweismethodik zu unterschiedlichen Ergebnissen und Bewertungen führen [2, 3, 4].
Die Ursachen für diese unterschiedlichen Befunde sind auf verschiedene Nachweisprinzipien zurückzuführen.
Nach dem Referenzverfahren (DIN EN ISO 9308-1) werden coliforme Bakterien aufgrund der Merkmale "Säurebildung durch Laktosefermentation" sowie durch "negative Oxidasereaktion" erfasst.
Bei dem alternativ zum Referenzverfahren zugelassenen Verfahren Colilert®-18/Quanti-Tray® beruht die Identifizierung coliformer Bakterien auf dem Nachweis des Enzyms β-D-Galaktosidase.
Da die Gasbildung bei der Laktosefermentation nicht mehr - wie früher - zur Charakterisierung von coliformen Bakterien herangezogen wird, ist aufgrund der neuen Definitionen ein Anstieg an positiven Nachweisen von coliformen Bakterien in 10o ml Wasserprobe durch anaerogene coliforme Bakterien im Vergleich mit der Methode nach TrinkwV 1990 festzustellen.
Das alternative Nachweisverfahren ermöglicht die Erfassung eines gegenüber dem Referenzverfahren noch breiteren Spektrums an coliformen Bakterien. Dazu gehören laktosenegative Coliforme und weitere Bakteriengattungen, darunter vermehrt sogenannte "Umweltcoliforme" (das heißt coliforme Bakterien, die aus anderen Quellen als vom Menschen und/ oder von Tieren, zum Beispiel von Pflanzen oder aus dem Boden stammen, siehe Tab. 1; [16]).
Tab. 1 Einteilung coliformer Bakterien (Gattungen) in Abhängigkeit von Nachweisverfahren und -prinzip
| Methode nach TrinkwV1990 | Methode nach DIN EN ISO 9308-1, TrinkwV 2001 | Alternativverfahren nach TrinkwV2001",Colilert®-18/Quanti-Tray®" |
| Laktose zu Säure und Gas
Escherichia Klebsiella Enterobacter Citrobacter | Laktose zu Säure
Escherichia Klebsiella Enterobacter Citrobacter Yersinia Serratia Hafnia Pantoea Kluyvera | β -O-Galaktosidase
Escherichia Klebsiella Enterobacter Citrobacter Yersinia Serratia Hafnia Pantoea Kluyvera Cedecea Ewingella Moellerella Ledercia Rahnella Yokenella |
| Fett: coliforme Bakterien, die in der Umwelt und in menschlichen Faeces vorkommen können;
Fett und kursiv: coliforme Bakterien, die als primäre Umweltmikroorganismen angesehen werdenl. | ||
4 Indikatorfunktion von coliformen Bakterien
Coliforme Bakterien können Indikatoren sowohl für fäkale Verunreinigungen als auch für Verunreinigungen nichtfäkaler Herkunft sein.
Unabhängig von ihrer Herkunft ist der Nachweis von coliformen Bakterien in 100 ml Trinkwasser ein Hinweis auf einen nicht bestimmungsgemäßen Zustand, daher nicht akzeptabel und erfordert Maßnahmen zur Ursachenabklärung und Kontrolle.
Das Auftreten coliformer Bakterien bei der Trinkwassergewinnung, -aufbereitung, -verteilung und in der Trinkwasser-Installation von Gebäuden kann verschiedene Ursachen haben (Abb. 1).
Mittlerweile wird in 50% der deutschen Wasserversorgungssysteme nicht mehr mit Chlor bzw. Chlordioxid desinfiziert. Der Nachweis von Restgehalten chemischer Desinfektionsmittel, wie Chlor oder Chlordioxid, ist in Deutschland eher selten. Auch vor diesem Hintergrund kommt bei der Trinkwasserüberwachung den coliformen Bakterien eine besondere Bedeutung zu.
Das Vorkommen coliformer Bakterien in niedriger Konzentration in Trinkwasserproben bedeutet nicht unbedingt einen Eintrag von außen, da es auch bei Fließrichtungsumkehr oder plötzlicher Erhöhung der Fließgeschwindigkeit zur Mobilisierung coliformer Bakterien aus im Netz vorhandenen Ablagerungen kommen kann [17].
Unter den in Deutschland vorherrschenden Bedingungen der Verteilungssysteme (Temperaturen <20°C) ist in der Regel nicht mit einer Vermehrung coliformer Bakterien im Trinkwasser zu rechnen.
Unter aeroben Bedingungen wurde kein oder nur ein geringes Wachstum von coliformen Bakterien festgestellt, dagegen haben sie unter anaeroben Bedingungen einen Wachstumsvorteil. Dies hat Bedeutung für Speicherbehälter, wenn coliforme Bakterien in Sedimenten überdauern und sich in begrenztem Umfang auch vermehren können.
Abb. 1 Auswahl möglicher Ursachen für das Auftreten coliformer Bakterien
Abb. 2 Abgestuftes Vorgehen beim Nachweis von coliformen Bakterien im Trinkwasser
Tab. 2 Beispiele für coliforme Bakterien in Abhängigkeit von ihrer gesundheitlichen Bewertung (die Tabelle erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und bedarf der hygienischmedizinischen Bewertung)*
| Coliforme Bakterien mit nachgewiesener fakultativ pathogener Bedeutung und mit häufigem Nachweis in klinischem Untersuchungsmaterial und im Zusammenhang mit Ausbrüchen | Coliforme Bakterien mit möglicher fakultativ pathogener bzw. opportunistischer Bedeutung und seltenem Nachweis in klinischem Untersuchungsmaterial bei sporadischen Infektionen | Coliforme Bakterien, die nach bisherigem Kenntnisstand von ungesicherter opportunistischer Bedeutung sind | |||
| Genus | Spezies | Genus | Spezies (Beispiele) | Genus | Spezies (Beispiele) |
| Klebsiella | - pneumoniae
- oxytoca | ||||
| Enterobacter | - cloacae
- aerogenes | Enterobacter | amnigenus | Enterobacter | asburiae |
| Serratia | - marcescens
- liquefaciens | Serratia | plymuthica | Serratia | fonticola |
| Citrobacter | -freundii | Citrobacter | koseri | ||
| Spezies weiterer Gattungen wie Edwardsiella, Erwinia, Hafnia, Leclercia, Kluyvera, Pantoea, Rahnella, Yersinia | Spezies weiterer Gattungen Buttiauxella, Budvicia, Leminorella, Moellerella, Raoultella, Yersinia, Yokenella | ||||
*) Im Literaturverzeichnis ist spezielle Literatur zur Tab. 2 angegeben.
Sofern die eingesetzten Materialien keine Nährstoffe abgeben, ist auch keine Vermehrung der coliformen Bakterien in Biofilmen zu erwarten [17]. Coliforme Bakterien sind aber in der Lage, sich in Biofilmen in Wasser führenden Systemen (zum Beispiel auf Schiebern im Wasserverteilungsnetz, auf Komponententeilen der Trinkwasser-Installation, an Trinkwasserentnahmestellen, in medizinischen Geräten) anzusiedeln [18, 19]. Unter diesen Bedingungen ist auch die Desinfektion Wasser führender Systeme erheblich erschwert [20, 21].
Da der alleinige Nachweis von coliformen Bakterien frühzeitig wichtige Hinweise über Störungen bei der Gewinnung, Aufbereitung und Verteilung von Trinkwasser geben und dem Nachweis von E. coli oder anderen Indikatoren für eine fäkale Belastung vorausgehen kann, kommt den coliformen Bakterien bei der Trinkwasserüberwachung deshalb eine besondere Bedeutung zu.
5 Bedeutung von coliformen Bakterien als Krankheitserreger
Unter dem Begriff coliforme Bakterien wird ein breites Spektrum von Bakteriengattungen und -arten zusammengefasst, die der Familie der Enterobacteriaceae zugehören. Hinsichtlich ihrer pathogenen Eigenschaften und ihrer Virulenz unterscheiden sich diese Arten und Gattungen erheblich. Wie schon beschrieben, kommen Bakterien der Familie der Enterobacteriaceae nicht nur im Darm von verschiedenen Vertebraten und Invertebraten vor, sondern lassen sich auch weit verbreitet in der Umwelt nachweisen.
Bei der Gefährdungseinschätzung müssen entsprechend den WHO-Guidelines for Drinking Water Quality [22] sowohl das Trinken (Ingestion) als auch Inhalation und Kontakt (Haut, Schleimhäute) als potenzieller Übertragungspfad von Mikroorganismen aus Wasser für den menschlichen Gebrauch berücksichtigt werden.
Eine Übersicht entsprechend dem derzeitigen Kenntnisstand zur Einteilung von coliformen Bakterien nach ihrer gesundheitlichen Bewertung wird in Tab. 2 gegeben.
Bestimmte Bio- und Serovare von Yersinia enterocolitica sind als Krankheitserreger anzusehen und können - über Trinken (Ingestion) aufgenommen - bei Gesunden eine Enterocolitis und reaktive Polyarthritiden auslösen [23]. Sie wurden bisher im Trinkwasser in Deutschland nicht nachgewiesen [24]. Bei den übrigen coliformen Bakterien kann nach bisherigem Kenntnisstand davon ausgegangen werden, dass sie über den Ingestionsweg bei Gesunden in der Regel keine Infektionen auslösen [25]. Sie werden der Gruppe der fakultativ pathogenen Infektionserreger zugerechnet. Dennoch besteht ein Gefährdungspotenzial bei prädisponierten und abwehrgeschwächten Patienten. Im folgenden Punkt 6 soll darauf besonders eingegangen werden.
6 Die besondere Bedeutung coliformer Bakterien als fakultativ pathogene Erreger in medizinischen Bereichen
Coliforme Bakterien, speziell Enterobacter-, Citrobacter-, Klebsiella- und Serratia-Spezies können besonders bei der medizinischen Versorgung als fakultativ pathogene Infektionserreger bei prädisponierten oder abwehrgeschwächten Patienten eine Vielzahl von Infektionen auslösen [11].
Der Kenntnisstand über die fakultativ pathogene Bedeutung unterliegt einem erheblichen Wandel, wobei insbesondere durch molekularbiologische Untersuchungen neue Erkenntnisse und Zuordnungen einzelner Spezies resultieren.
Das Spektrum der durch sie ausgelösten nosokomialen Infektionen umfasst unter anderem:
Zu den häufigsten im Zusammenhang mit nosokomialen Infektionen isolierten coliformen Bakterien zählen
Coliforme Bakterien zeichnen sich zusätzlich häufig durch eine natürliche hohe Antibiotikaresistenz aus [26].
Daher stellen coliforme Bakterien im Trinkwasser für entsprechende Bereiche der medizinischen Versorgung, in denen sich prädisponierte beziehungsweise immunsupprimierte Patienten befinden, nicht nur einen Indikator dar. Von ihnen kann auch eine Gefahr für die Gesundheit dieser Bevölkerungsgruppe ausgehen [11, 27, 28].
7 Notwendige Maßnahmen nach Bestätigung einer systemischen Kontamination durch coliforme Bakterien
Unmittelbar nach Mitteilung eines positiven Befundes an das Gesundheitsamt muss durch Wiederholungsuntersuchungen abgeklärt werden, ob es sich um einen einmaligen Befund handelt bzw. ob eine systemische Kontamination vorliegt.
Die Kosten für Untersuchungen, die durch das Gesundheitsamt angeordnet werden, sind entsprechend § 39 Abs. 1 Infektionsschutzgesetz (IfSG) [29] durch den Unternehmer oder Inhaber der Wasserversorgungsanlage zu tragen.
Beim Nachweis von coliformen Bakterien in ioo ml Trinkwasser wird ein abgestuftes Verfahren empfohlen (Abb. 2). Die folgenden Maßnahmen und Hinweise beziehen sich auf die bereits genannten Teilbereiche der Trinkwassergewinnung, -aufbereitung und -verteilung (vergleiche Punkt 4, Abb. 1) und sind bei der Risikobetrachtung zu berücksichtigen. Sie sind einzelfall- und ursachenbezogen umzusetzen.
Bereich Rohwassergewinnung und Aufbereitung im Wasserwerk
Im Falle einer Rohwasserbelastung ist zu klären, ob diese Kontamination im Zusammenhang mit witterungsbedingten Einflüssen (zum Beispiel Starkregen, Schneeschmelze) steht oder durch andere örtlich erkennbare Quellen (zum Beispiel Abwassereinfluss, defekter Brunnen, Havarie in der Rohwassergewinnung) verursacht wurde. Sofern auf diese Rohwassergewinnung nicht bis zur Ursachenbeseitigung verzichtet werden kann, ist die Aufbereitung auf diese neuen Erkenntnisse einzustellen und so zu optimieren, dass eine ausreichende Eliminierung der Mikroorganismen gewährleistet werden kann.
Bis zur Installation einer wirksamen Aufbereitungstechnik bzw. Reparatur der vorhandenen Technik ist das Trinkwasser so zu desinfizieren, dass der Grenzwert sicher eingehalten wird.
Eine systemische Kontamination, die ursächlich vom Wasserwerk selbst ausgeht, ist als Auslöseereignis für einen Störfall anzusehen. In diesem Fall sollte im Sinne einer umfassenden Risikoanalyse und zur Behebung des Störfalles vom Gesundheitsamt ein Expertengremium einberufen werden, welchem auch Vertreter der(s) Wasserversorger(s), der Netzbetreiber und unter Umständen der bestellten Trinkwasseruntersuchungsstelle angehören sollten. Insbesondere dann, wenn Risikoeinschätzungen im Zusammenhang mit Einrichtungen der medizinischen Behandlung und Betreuung getroffen werden müssen, sollte zur Bewertung hygienischmedizinischer Sachverstand (zum Beispiel Krankenhaushygieniker, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin) einbezogen werden. In diesen Fällen ist es hilfreich, zur Risikoeinschätzung für coliforme Bakterien Bestimmungen von Gattungen und Art (biochemische Differenzierung) vorzunehmen. Durch das Expertengremium
Zusätzlich sind die notwendigen Maßnahmen für die Bereiche Verteilungsnetz und Trinkwasser-Installation in Gebäuden (siehe folgende Abschnitte) zu beachten.
Bereich Verteilungssysteme (inklusive Hochbehälter, Druckerhöhungsanlagen etc.)
Sofern die Ursache für die Kontamination nicht im Bereich des Wasserwerkes liegt, konzentrieren sich die Maßnahmen auf das Verteilungssystem.
Bei nachgewiesener systemischer Kontamination muss eine Ursachenklärung erfolgen, und es ist durch Stufenkontrollen im Verteilungsnetz festzustellen, welche Bereiche der Trinkwasserversorgung ebenfalls betroffen sind.
Ursache für eine Kontamination im Verteilungsnetz können Eingriffe in das System im Zusammenhang mit technischen Störungen (zum Beispiel Baumaßnahmen, Havarien), Querverbindungen der öffentlichen Trinkwasserversorgung zu anderen Wassersystemen (zum Beispiel Hausbrunnen, Regenwasseranlagen), die nicht den anerkannten technischen Regeln entsprechen, oder schlecht unterhaltene Rohrnetze (kurzfristig auftretende Unterdrücke an Leckagestellen) sein. Ebenso kann es zu Rufkeimungen des Trinkwassers im Hochbehälter kommen (zum Beispiel durch Biofilmbildung, Sedimentaufwirbelung, unzureichende Wartung der Behälterkammern, Fehler bei der Behältersanierung, Einsatz ungeeigneter Werkstoffe oder Verfahren). Kontaminationen des Trinkwassers durch Mikroorganismen aus Biofilmen in neu installierten Hydranten oder auf Gummidichtungen von Schiebern sind auch möglich.
Unabhängig von der Konzentration der Mikroorganismen müssen angemessene und auf die Situation abgestimmte Maßnahmen veranlasst werden, wie zum Beispiel intensives Spülen des Verteilungsnetzes oder Sicherstellung einer ausreichenden Desinfektionskapazität durch freies Chlor oder Chlordioxid entsprechend § 5 Abs. 4 TrinkwV 2001 im betroffenen Abschnitt des Leitungsnetzes.
Für die gesunde Bevölkerung ist eine Abkochempfehlung in der Regel nur bei Hinweisen auf eine fäkale Belastung durch zusätzlichen Nachweis von E. coli und/oder Enterokokken sowie beim Nachweis von pathogenen Yersinia enterocolitica nach hygienischmedizinischer Bewertung in Betracht zu ziehen.
Für Risikopersonen kann jedoch schon beim alleinigen Nachweis bestimmter Spezies coliformer Bakterien eine Abkochempfehlung in Abhängigkeit von der hygienischmedizinischen Bewertung erwogen werden (siehe auch Punkt 5). Auch in diesen Fällen sollte zur Risikoabschätzung eine Speziesdifferenzierung der coliformen Bakterien erfolgen.
In Abhängigkeit von der Größenordnung des betroffenen Verteilungsnetzes ist auch hier von einem Störfall auszugehen, insbesondere dann, wenn im Versorgungsbereich Einrichtungen der medizinischen Behandlung und Betreuung vorhanden sind. Durch das Gesundheitsamt ist die Information der Bevölkerung zu veranlassen. Insbesondere sind die relevanten Risikoeinrichtungen (zum Beispiel Krankenhäuser, Kinderkrippen und Alten- und Pflegeheime) festzulegen und ebenfalls entsprechend zu informieren. Spezielle Maßnahmen, die im Folgenden beschrieben werden, sind in die Wege zu leiten.
Bereich der Trinkwasser-Installation in Gebäuden
Beim ausschließlichen Nachweis coliformer Bakterien im Bereich der Trinkwasser-Installation und dem Negativbefund im zentralen Verteilungsnetz begrenzen sich die notwendigen Maßnahmen auf dieses Gebäude. In Abhängigkeit von den möglichen Ursachen (zum Beispiel Rohrbruch, Bauarbeiten, Stagnation, Biofilm) können folgende Maßnahmen sinnvoll sein:
Überprüfen der Trinkwasser-Installation, ob gegen Rückfluss unzureichend gesicherte Geräte vorhanden sind (Zahnarztbehandlungsplätze, Darmspülgeräte und so weiter),
Sofern es sich um Einrichtungen der medizinischen Behandlung und Betreuung handelt, sind spezielle Maßnahmen einzuleiten.
Spezielle Anforderungen an medizinische Einrichtungen zur Behandlung und Betreuung
In Risikoeinrichtungen mit prädisponierten oder immunsupprimierten Patienten (zum Beispiel Intensivtherapiestationen, Endoskopie, Neu- und Frühgeborenenstationen), in Dialyseeinrichtungen und in Haushalten, in denen Risikopersonen leben und/oder medizinisch versorgt werden, ist das Vorkommen von coliformen Bakterien im Trinkwasser nicht nur unerwünscht, sondern gefährdet unter Umständen die Gesundheit der genannten Risikopersonen.
Es gelten dennoch prinzipiell dieselben Abwehr- und Sanierungsmaßnahmen wie beim Auftreten coliformer Bakterien in Trinkwasser-Installationen normaler Wohngebäude. Zusätzlich ist für die Patienten/Personen in diesen Einrichtungen eine Risikoabschätzung unter Berücksichtigung ihres konkreten Gefährdungsgrades zu veranlassen. Zu diesem Zweck sollten sich der zurate gezogene Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin und der Krankenhaushygieniker auch hier nach Möglichkeit auf eine Speziesdifferenzierung der coliformen Bakterien stützen können. Von den an verschiedenen Stellen im Leitungsnetz isolierten coliformen Bakterien lässt sich durch das Verfolgen der Profile nach biochemischer Differenzierung (zum Beispiel mit API 20 E und API 50 CHE) auch die systemische Kontamination eindeutig beurteilen.
Zur Einschätzung des tatsächlichen Gefährdungspotenzials sollte, wie schon beschrieben, ein Expertengremium einberufen werden (Hinweise dazu siehe auch Bereich Rohwassergewinnung und Aufbereitung im Wasserwerk).
Je nach Ergebnis und krankenhaushygienischer Bewertung kann es notwendig sein, folgendermaßen vorzugehen:
Bei Nachweis coliformer Bakterien mit fakultativ pathogener Bedeutung und häufigem Nachweis in klinischen Untersuchungsmaterialien müssen gegebenenfalls weitergehende Maßnahmen in medizinischen Einrichtungen zum Ausschluss von coliformenhaltigem Wasser für die Versorgung von Patienten in Risikobereichen, wie zum Beispiel Intensivtherapiestationen, Endoskopie, Dialyseeinrichtungen, Neu- und Frühgeborenenstationen, bis zur Behebung des Störfalls vorgenommen werden. Dazu zählen zum Beispiel endständige Filtration oder Nutzungseinschränkungen oder die Verwendung von sterilem Wasser.
Bei Nachweis coliformer Bakterien mit fakultativ pathogener Bedeutung, aber seltenem Nachweis in klinischen Untersuchungsmaterialien wird eine Untersuchung des Trinkwassers an der Übergabestelle empfohlen, um Hinweise zu erhalten, ob eine Kontamination der Trinkwasser-Installation zu besorgen ist. Liegt eine Kontamination an der Übergabestelle vor, werden an peripheren Entnahmestellen in Risikobereichen Untersuchungen durchgeführt und Schutzmaßnahmen entsprechend der krankenhaushygienischen Risikoabschätzung vorgenommen.
Bei Nachweis coliformer Bakterien, die nach bisheriger Kenntnis von ungesicherter opportunistischer Bedeutung sind, werden diese Befunde wie das Auftreten einer Koloniezahlerhöhung ohne Hinweis für übrige Auffälligkeiten gewertet.
Redaktionelle Arbeitsgruppe im Auftrag der Trinkwasserkommission:
I. Feuerpfeil, U. Rädel, M. Exner
Unter Mitarbeit von:
Prof. Dr. Kramer (Präsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene und Mitglied der Kommission für Krankenhaushygiene beim Robert Koch-Institut)
Frau Dr. Christiansen (stellvertretende Vorsitzende der Kommission für Krankenhaushygiene)
Frau Priv.-Doz. Dr. Heudorf (Leiterin der Abteilung Umweltmedizin und Hygiene des Stadtgesundheitsamtes Frankfurt)
Frau Dr. Teichert-Barthel (Leiterin des Gesundheitsamtes Ahrweiler)
Herr Priv.-Doz. Dr. Engelhart (Krankenhaushygieniker des Universitätsklinikums Bonn).
Spezielle Literatur zu Tab. 2
Literatur
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