umwelt-online: LTwS 26 Ermittlung Standort- und Nutzungscharakteristik (2)
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2.5 Hydraulik des Grundwasserleiters
Mit der Bewertung der Hydraulik werden diejenigen Aspekte bei der Standortcharakteristik erfaßt, die sich aus den strömungsmechanischen Bedingungen des Stofftransportes im Grundwasserleiter ergeben. Dies sind im einzelnen:
Gelangt ein Stoff in den Grundwasserleiter, so sind die Ausbreitungsgeschwindigkeit und die räumliche Ausdehnung abhängig von:
Die größte Gefährdung besteht in der Möglichkeit einer schnellen Ausbreitung einer Verunreinigung im Untergrund, da hierdurch notwendigerweise zeitaufwendigere Schutz- und Sanierungsmaßnahmen eingeschränkt oder ausgeschlossen sind. Dies betrifft sowohl den Bereich der Grundwasserüberdeckung als auch den Grundwasserleiter selbst.
Eine schnelle Ausbreitung wird auf jeden Fall durch eine höhere Untergrunddurchlässigkeit unterstützt. Dabei spielen für die Ausbreitung in die Tiefe neben den Stoffeigenschaften die bei der Standortcharakteristik zu berücksichtigenden Größen Mächtigkeit und Einheitlichkeit der oberflächennächsten Untergrundschicht die wesentliche Rolle.
Für die flächenhafte Ausbreitung einer Untergrundverunreinigung kann andererseits die abschätzbare Größe und Richtung der Abstandsgeschwindigkeit des Grundwassers im Betrachtungsbereich als ausschlaggebender Vergleichsmaßstab angewandt werden. Diese Abstandsgeschwindigkeit liegt beispielsweise in sandigen Untergrundschichten der Oberrheinebene zwischen 100 m/Jahr und 500 m/Jahr, während sie in Kiesgrundwasserleitern und vor allem in Schottergrundwasserleitern alpiner Flußtäler (z.B. in der Münchener Schotterebene) 10 m/Tag bis 100 m/Tag erreichen kann.
Einen groben Überblick kann hierfür die Zusammenstellung in Tabelle 6 für typische Grundwasserlandschaften [13] geben, bei der, soweit angebbar, zusätzlich zu den charakteristischen Untergrundparametern der Durchlässigkeit (kf), der Mächtigkeit (m) und der wirksamen Transmissivität (TGW) eine Angabe zur möglichen Abstandsgeschwindigkeit angefügt wurde.
Tab. 6: Beispiele für Grundwasserleiterparameter in Lockergesteinen (Pleistozän, soweit nicht anderes vermerkt) [13] mit Ergänzung typischer Abstandsgeschwindigkeiten
| Raum | Grundwasser- Landschaft | Parameter kf [m/sec] m[m] TGW [1/sec] | Grundwasserleiter | Typische Abstandsge- schwindigkeit va [m/Jahr] |
| Schleswig- Holstein | Norddeutsches Flachland | kf = 10-4 ... 10-5 | pleistozäne Rinnen in Tertiärsanden | 50-200 |
| m = 100 ... 200 | ||||
| TGW = 0,001...0,05 | ||||
| Hannover/ Nordheide | * | kf = 10-5 ... 10-3 | * | * |
| m = 10 ... 100 | ||||
| Haltern | Münstersches Becken | kf = 10-5 ... 10-3 | großflächig, Halternsande (Oberkreide) | 100 - 500 |
| Rheintal bei Köln | Niederrheinische Bucht | kf = 10-5... 5× 10-3 | Rheinterrase | 300- 600 |
| m = 10 ... 25 | ||||
| Erftbecken | * | kf = 10-6... 5×10-4 | Sand, Kies, Ton (Tertiär bis Pleistozän), Stockwerke | sehr unterschiedlich |
| Rhein- Neckar | Oberrheingraben | kf = 5×10-4... 10-2 | großflächig, Sand und Kies, Stockwerke | 150-600 |
| m = 10... 200 | ||||
| TGW = 0,02 ...0,2 | ||||
| Freiburg/ Offenburg | * | kf = 10-4... 5×10-3 | großflächig, mehrschichtig, Sand und Kies | * |
| m =20 ... 100 | ||||
| TGW = 0,02 ... 0,2 | ||||
| Illertal/ Brolzh. Feld | Gebiet zwischen Alpen und Donau | kf = 10-2... 2× 10-2 | Schotter | 300- über 1.000 |
| m = 10 ... 15 | ||||
| Lech- mündung | * | kf = 10-2... 2×10-2 | Schotter | * |
| m = 6 ...10 | ||||
| Münchener Schotterebene | * | kf = 3×10-3... 2×10-2 | Schotter | * |
| m = 5...50 | ||||
| München | * | kf = 10-6... 10-5 | Sand (Tertiär: Süßwassermolasse) | 50-150 |
| Loisachtal Garmisch | Deutsche Alpen | kf = 10-2... 2×10-2 | Schotter, Stockwerke | 300- über 1.000 |
| m = 30 ... 100 | ||||
| TGW = 0,03... 0,08 |
Darüber hinaus wird die Ausbreitung im gesättigten Bereich ähnlich wie in der ungesättigten Zone durch Abbau- und Sorptionsvorgänge beeinflußt, die wiederum vom Aufbau und der Struktur des Grundwasserleiters abhängen. Wegen der Vielzahl möglicher Erscheinungsbilder der Stoffausbreitungen im Grundwasserleiter wird im Hinblick auf eine spätere Bewertung zunächst ein Normfall beschrieben, auf den die lokale Situation zu beziehen ist. Abweichungen vom Normfall werden entsprechend Tabelle 7 bewertet. Der Normfall ist durch folgende Eigenschaften charakterisiert:
Der in Abb. 3 dargestellte Normfall gibt in schematisierter Form den Bewertungsrahmen für die Hydraulik wieder. Daneben existieren Fälle mit sowohl abweichenden Transport- und Strömungsbedingungen, als auch mit der Möglichkeit einer weiteren Ausbreitung in tiefere Grundwasserbereiche. Dies sind insbesondere:
Abb. 3: Schematische Darstellung des hydraulischen Systems
Tab. 7 Bewertung der Hydraulik des Grundwasserleiters
| Hydraulische Charakterisierung | Bewertung | SCGhY | |
| 1. | Normfall Porengrundwasserleiter Stoffeintrag (in Phase oder in Wasser gelöst) in den oberflächennahen Grundwasserleiter mit mittlerer Durchlässigkeit, kein Eindringen in tieferliegenden Grundwasserleiter, mittlere Abstandsgeschwindigkeit (va < 500 m/a) | 0 | |
| 2a. | Kies- und Porengrundwasserleiter mit hohen Abstandsgeschwindigkeiten über gering durchlässigem Gestein: Sehr hohe Durchlässigkeit und hohe Abstandsgeschwindigkeit sorgen für schnelle Ausbreitung mit großer Dispersion. Vordringen des Stoffes in tiefere Bereiche ist ausgeschlossen. | Die Möglichkeit des leichten Stoffeintrags und schnelle Ausbreitung von Stoffen in Lösung bedingt eine ungünstigere Bewertung | 1 |
| 2b. | Geschichteter Grundwasserleiter mit teildurchlässigen Zwischenschichten: In einem mehrschichtig aufgebauten Grundwasserleiter kann es zu einer Kontamination tiefer gelegener Grundwasserleiter kommen (fehlende Trennschicht oder Fenster in der Trennschicht), entsprechend des Druckgradients) | Möglichkeiten des Stoffeintrags in tiefere Bereiche macht eine ungünstigere Bewertung als bei 2a erforderlich | 2 |
| 3. | Kluftgrundwasser über gering durchlässigem Gestein | ||
| 3a. | gering geklüftet: Stoffmigration im Kleinklüften und in bevorzugten Großklüften | Die als günstiger anzusehenden Geschwindigkeiten im gering geklüfteten Gestein werden aufgehoben durch die Möglichkeit des schnelleren Transports in wenigen großen Klüften | |
| 3b. | stark geklüftet, zerrüttet: Stoffausbreitung in Großklüften und bevorzugten Störungszonen | Die Situation ist ungünstiger als bei gering geklüftetem Gestein | 2 |
| 3c. | Geschichteter Kluftgrundwasserleiter mit teildurchlässigen Zwischenschichten | Stoffeinträge in tiefere Stockwerke sind möglich | 3 |
| 4. | Karstgrundwasserleiter In den unregelmäßig ausgebildeten Karsthohlräumen kann es zu sehr schneller Stoffausbreitung kommen. Aufgrund geringer Adsorptions- und Abbauvorgänge können auch nach längeren Transportzeiten hohe Konzentrationsspitzen auftreten | Die "Unberechenbarkeit" des Karstgrundwasserleiters macht es notwendig, diesen Fall grundsätzlich ungünstig zu bewerten. | 3 |
2.6 Zusammenfassende Bewertung der Standortcharakteristik
Die Ermittlung der Standortcharakteristik ergibt sich durch Addition der Wertziffern
SCHY, SCGÜ, SCGL, SCGhy
wobei die Wertziffer SCGhY mit dem Faktor 2 gewichtet wird.
Die Wertziffer für die Standortcharakteristik (WZSC) ist demnach wie folgt zu ermitteln:
WZSC = SCHY + SCGÜ + SCGL + 2 × SCGHY
Daraus ergeben sich nach Tabelle 8 die entsprechenden Klassen für die Standortcharakteristik SC.
| Wertziffer WZSC | Standortcharakteristik SC | Standortempfindlichkeit |
| < 5 | 1 | gering |
| 6 - 9 | 2 | mittel |
| 11 - 14 | 3 | hoch |
| > 15 | 4 | sehr hoch |
Für den Standort Rastorf Schleswig-Holsteins ist im Anhang I ein weichseleiszeitliches Stauchmoränengebiet als Beispiel für den Ablauf der Bewertung wiedergegeben.
Im Anhang II ist ein weiteres ausführliches Beispiel für einen Standort in der Rheinebene westlich von Ludwigshafen wiedergegeben.
3 Ermittlung der Nutzungscharakteristik
Bei der Planung von neuen oder Erweiterung von bestehenden Anlagen für den Umgang mit wassergefährdenden Stoffen sind deren jeweilige Standorte mit den im Umfeld vorhandenen Nutzungen im Hinblick auf mögliche Beeinträchtigungen, die aufgrund von Grundwasserbeeinflussungen entstehen können, näher zu untersuchen. So ist es durchaus möglich, daß durch die Neuerrichtung einer Anlage zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffe Nutzungskonflikte entstehen.
Diese können über die Ermittlung des Gefährdungspotentials einer Anlage (siehe Abb. 1) über den Teilaspekt "Nutzungscharakteristik" in die Abwägung integriert und vor allem transparent und nachvollziehbar bewertet werden.
Ob jedoch ein das Grundwasser kontaminierender Schadstoff zu einer Beeinträchtigung der bereits bestehenden Umgebungsnutzungen führt, hängt im wesentlichen von der Strömungsrichtung des Grundwassers ab. Liegt die geplante Anlage im Oberstrombereich einer bereits bestehenden grundwasser-empfindlichen Nutzung, können potentielle Schadstoffe, die ins Grundwasser eingetragen werden, zu einer Nutzungseinschränkung führen. Anlagen im Unterstrombereich bleiben dagegen ohne direkte Auswirkungen auf diese bestehenden Nutzungen. Von den in Frage kommenden Nutzungen sind vor allem diejenigen zu berücksichtigen" die gegenüber Grundwasserkontaminationen empfindlich reagieren. So ist ein Feuchtbiotop oder eine Grundwasserentnahme zu Versorgungszwecken im Unterstrom einer Anlage zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen als gefährdeter anzusehen als ein Industriebetrieb. Durch diese potentielle Gefährdung wird es möglich, weitergehende technische Anforderungen an die geplante Anlage zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen zu begründen.
Die folgende Tabelle 9 enthält Nutzungsarten, für die das Grundwasser ein prägender Standortfaktor ist. Entsprechend der Empfindlichkeit der Nutzungen sind sie entsprechend den Wertziffern der Nutzungscharakteristik bewertet worden.
Tab. 9: Grundwasserempfindliche Nutzungen im Unterstrom
| Nutzungen | Nutzungs- charakteristik NU | Nutzungs- empfind- lichkeit | |||
| 1. | Nutzungen mit Erholungsfunktion, bei denen Grundwasser ein prägender Standortfaktor ist: - Parkanlagen - innerstädtische Grünflächen | 2 | mittel | ||
| 2. | Bauwerke, die im Grundwasser gegründet sind | 3 | hoch | ||
| 3. | Nutzungen mit Freiraumfunktionen: - Küstengewässer/Küstenvegetation - Fließgewässer (einschl. Verlandungs- und Ufergesellschaften) - Stillgewässer (einschl. Verlandungs- und Ufergesellschaften) - Moore und Sümpfe - Feucht- und Naßwälder | 3 | hoch | ||
| 4. | Nutzungen, die aus ökonomischen Gründen (z.B. Brauch oder Trinkwassernutzungen) auf das Grundwasser in besonderer Weise angewiesen sind:
| 4 | hoch | ||
| 5. | Wasser für Getränke- und Nahrungsmittelindustrie | 6 | sehr hoch | ||
| 6. | Trinkwasserversorgungsanlagen incl. Eigenversorgung | 6 | sehr hoch | ||
| 7. | alle anderen Nutzungsformen - | 0 | gering | ||
In Anhang II ist im Beispiel für einen Standort in der Rheinebene westlich von Ludwigshafen dieser Gesichtspunkt in der Bewertung wiedergegeben.
4 Literatur
[1] Kommission "Bewertung wassergefährdender Stoffe" des Beirats "Lagerung und Transport wassergefährdender Stoffe (LTwS)" beim Bundesminister des Innern: Entwurf des Katalogs wassergefährdender Stoffe zur Veröffentlichung in den Ministerialblättern des Bundes und der Länder, Stand 1984.
[2] Darimont, T.: Naturwissenschaftlich-technische Anforderungen an die Sanierung kontaminierter Standorte - Teil 1: Erarbeitung eines Schemas zur Bewertung des Migrationsverhaltens von Stoffen im Untergrund. Forschungsbericht 102 03 405/01 im Forschungsplan des Bundesministers des Innern, erstellt im Auftrag des Umweltbundesamtes (1985). -
[3] Fränzle, O.; Elhaus, D.; Fröhling, J.: Naturwissenschaftlich-technische Anforderungen an die Sanierung kontaminierter Standorte - Teil II: Standortklassifikation im Hinblick auf die Migration von Stoffen im Untergrund. Forschungsbericht 10203 405/02 im Forschungsplan des Bundesministers für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, erstellt im Auftrag des Umweltbundesamtes (1987).
[4] Lühr, H.-P.: Vorbeugender Grundwasserschutz beim Umgang mit wassergefährdenden Stoffen, Kongreßband Wasser Berlin 1985.
[5] Lühr, H.-P.; Staupe, J.: Der Besorgnisgrundsatz beim Grundwasserschutz, Wasser und Boden, Heft 12, 1986.
[6] Katalog der im Rahmen von Eignungsfeststellungen an Anlagen zum Lagern wassergefährdender flüssiger Stoffe zu stellenden Anforderungen (Anforderungskatalog) RdErl. d. MURL-NRW von 1985.
[7] Scheffer, F.; Schachtschabel, P.: Lehrbuch der Bodenkunde. Stuttgart: Enke, (12, 1989).
[8] Hollstein, W.: Bodenkarte der Bundesrepublik Deutschland. Hannover: Bundesanstalt für Bodenforschung, (1963).
[9] Katalog der an Anlagen zum Abfüllen und Umschlagen wassergefährdender flüssiger Stoffe zu stellenden Anforderungen (Anforderungskatalog) RdErl. d. MURL-NRW von 1988.
[10] Heckmann, H.J.; Schreiber, K.F.; Thöle, R.: Ein Vergleich unterschiedlicher Verfahren zur flächenhaften Ermittlung der Grundwasserneubildungsrate. Mitteilungen der Deutschen Bodenkundlichen Gesellschaft 41, 353-356 (1985).
[11] Müller, W.: Filtereigenschaften der Böden und deren kartiertechnische Erfaßbarkeit. Mitteilungen der Deutschen Bodenkundlichen Gesellschaft 22, 323-330 (1975).
[12] Thöle, R.; Schreiber, K.F.: Grundwasserneubildungsrate und Filterpotential. - Landschaft und Stadt 17, 61-65 (1985).
[13] DVWK 1982 (Deutscher Verband für Wasserwirtschaft und Kulturbau e.V.): Entnahme von Proben für hydrogeologische Grundwasseruntersuchungen.
DK 556.32.001.5 Grundwasseruntersuchungen;
DK 556.08:543.3.053 Probenahme.
DVGW-Merkblätter zur Wasserwirtschaft, 1982.
[14] Arbeitskreis Grundwasserneubildung der Fachsektion Hydrogeologie der Deutschen Geologischen Gesellschaft: Methoden zur Bestimmung der Grundwasserneubildungsrate. Geol. Jahrbuch, Reihe C, H. 19,1-98, 1977.
[15] "Untersuchung zur Grundwassernutzung im Altripper-Rheinbogen -Hydrologische und ökologische Untersuchungsergebnisse" Technische Werke Ludwigshafen am Rhein AG
| Beispielfall für die Bewertung der Standortcharakteristik im Hinblick auf das Grundwasser | Anhang I |
Standort Rastorf
| Ausgangsgrößen | Bewertungen | ||||
Hydrologie
| Tab. 1: SCHy = 2 | ||||
| Grundwasserüberdeckung Boden lehmiger Sand bis feiner Sand Aufbau des relevanten untergrundes:
mittlere Lagerungsdichte | Tab. 2: Wertziffer WZ I =2 | ||||
| Deckschichten | Tab. 3: Wertziffer WZ II = 2 | ||||
| Summe Grundwasserüberdeckung WZ I + WZ II = 4 | Tab. 4: SCGÜ = 2 | ||||
| Grundwasserleiter Durchlässigkeitkf = 5× 10-5 m/s | Tab. 5: SCGL = 1 | ||||
| Hydraulik des Grundwasserleiters Standort entspricht dem Normalfall | Tab. 7: SCGHY = 0 | ||||
| Ermittlung der Standortcharakteristik
WZSC = SCHy + SCGÜ + SCGL + 2 × SCGHy = 5 | Tab. 8: WZSC = 5
Es liegt eine geringe Standortempfindlichkeit vor. |
| Anhang II |
Der Beispielfall für die Bewertung der Standortcharakteristik und Nutzungscharakteristik basiert u.a. auf durchgeführte Untersuchungen in dem Raum Ludwigshafen [15].
Standort in der Rheinebene westlich von Ludwigshafen
Ausgangslage
| Geplant: | Ausweisung eines Gewerbegebietes in der Rheinebene im Westen des Großraumes Ludwigshafen. |
| Aufgabe: | Bewertung des Gefährdungspotentials und eventueller besonderer Schutzmaßnahmen und Schutzanforderungen |
Vorhandene Unterlagen:
Standortbeschreibung - Gebietsnutzung
Standortlage:
Im Hinterland des Stadtbereiches Ludwigshafen auf einer horizontalen Terrassenfläche (Frankenthaler Terrasse) ca. 9 km westlich des Rheins.
Großräumige Nutzungsverhältnisse sowie grundwasserhydraulische Randbedingungen:
Aus gemessenen Grundwasserständen (Isohypsen) für den oberen Grundwasserleiter ist die generelle Grundwasserströmung in Richtung zum Hauptvorfluter Rhein erkennbar (Abb. 4).
Im Raum bestehende größere Grundwasserfassungsanlagen mit Tiefentnahmen üben teilweise deutlichen Einfluß auf die Grundwasserströmung im oberen Grundwasserleiter aus.
Gebiet landwirtschaftlich intensiv genutzt (Gemüseanbau, Ackerbau).
Relativ dichte Besiedlung mit zahlreichen Industriestandorten (vor allem chemische Industrie) bedingt starke verkehrsmäßige Erschließung.
Bereits langzeitig stattfindende Industrienutzung und erfolgte Kriegseinwirkungen bedingen vielfältige, noch nicht endgültig beurteilbare Altablagerungen.
Raumentwässernde Zuflüsse zum Rhein weisen zeit- und bereichsweise kritische Gewässerbelastungen auf.
Das oberflächennahe Grundwasser ist aufgrund der vielfältigen Nutzungen anthropogen sehr stark beansprucht. Insbesondere die ergiebigen Grundwasservorkommen in tieferen Grundwasserstockwerken, die derzeit bereits in einer Reihe von Großwasserfassungen für die Trinkwasserversorgung und teilweise für die Versorgung mit hochwertigem Brauchwasser der Industrie genutzt sind, sind auf Dauer potentiell gefährdet.
Abb. 4: Lageplan des Beispielbereiches mit Grundwasserströmung
Hydraulik des Grundwasserleiters
Entsprechend den vorliegenden Unterlagen, lassen sich die hydrogeologischen und hydraulischen Parameter wie folgt beschreiben:
Der tiefere Untergrund besteht aus einer sowohl horizontal als auch vertikal stark wechselnden Abfolge von Sanden, Schluffen und Kiesen, wobei großräumig eine gewisse Stockwerksgliederung erkennbar ist (Abb. 5).
Sowohl das obere als auch das tiefere Grundwasser fließt, vom in Aussicht genommenen Standort ausgehend, nach Osten in Richtung auf die ca. 4,5 km entfernt liegenden Brunnen eines Wasserwerkes (Wasserwerk I in Abb. 4 und 5), deren Förderung aus dem tieferen Grundwasser erfolgt.
Die mittlere Abstandsgeschwindigkeit im oberen Grundwasserleiter beträgt va = 0,5m/d.
Wie das Bohrprofil (Abb. 5) zeigt, befindet sich im Standortbereich 6,3 m unter Gelände eine mächtige Tonschicht, deren wirksame vertikale Durchlässigkeit mit kf < 1× 10-8 m/s angenommen werden kann. Dieser "Trennhorizont" bewirkt in diesem Raum zusammen mit anderen Tonschlufflagen großräumig eine Stockwerksausbildung, die allerdings örtlich durch bereichsweise Mächtigkeitsverringerungen, Einschaltung von Sandlagen bzw. vollständiger sandiger Ausbildung (Fenster) gestört ist.
Abb. 5: Bohrprofil des Standortes; schematischer hydrogeologischer Schnitt
Bewertung der Standortcharakteristik des Nahbereiches (westlich Ludwigshafen)
| Ausgangsgrößen | Bewertung | ||||
Hydrologie
| Tab. 1: SCHY = 1 | ||||
| Grundwasserüberdeckung Boden am Standort wegen Gründungen möglicherweise nicht mehr vorhanden | Tab. 2: Wertziffer WZ I = 4 | ||||
| Deckschichten Sand-, Kiesaufbau mit teilweise und zeitweise geringem Flurabstand (1-3 m) | Tab. 3: Wertziffer WZ II = 3 | ||||
| Summe GW-Überdeckung: WZ I + WZ II = 7 | Tab. 4: SCGÜ = 4 | ||||
| Grundwasserleiter Durchlässigkeit kf = 3 × 10-4 - 10-3 m/sec | Tab. 5: SCGL = 2 | ||||
| Hydraulik des Grundwasserleiters Kies-Sand-Grundwasserleiter über teilweise durchlässigen Trennschichten zu ebenfalls gut durchlässigen tieferen Bereichen Fall 2b nach Tab. 7 | SCGhy = 2 | ||||
| Ermittlung der Standortcharakteristik WZSC = SCHY + SCGÜ + SCGL + 2× SCGHy | Tab. 8: WZSC = 11 Es liegt eine hohe Standortempfindlichkeit vor |
Gefährdungsabschätzung aufgrund der Standortcharakteristik
Bei einem eventuell größeren Schadensereignis mit wassergefährdenden Stoffen sind die Deckschichten aufgrund ihrer Ausbildung und Mächtigkeit kaum in der Lage, Schadstoffe länger oder in wesentlichem Umfang zurückzuhalten. Das bedeutet, daß aller Voraussicht nach der Schadstoff mit nur geringer zeitlicher Verzögerung die Grundwasseroberfläche erreichen wird.
Aufgrund der nur bereichsweise schwach ausgebildeten mächtigeren Tonlagen in 6,3 m Tiefe ist jedoch damit zu rechnen, daß in den Untergrund eindringende Schadstoffe, selbst dann, wenn sie zu den absinkenden Stoffen gehören, in gelöster Form vorwiegend im oberen Grundwasserleiter entsprechend dem Gefälle in Richtung Osten mit der mittleren Abstandsgeschwindigkeit von va = 180 - 200 m/a abtransportiert werden. In Bereichen mit höheren Durchlässigkeiten des "oberen Zwischenhorizontes" findet allerdings infolge der vorherrschenden Potentialdifferenz vom oberen zum tieferen Grundwasserleiter (Abb. 5) ein verstärkter Zufluß von oberflächennahem Grundwasser in die zur Trinkwasserversorgung genutzten tieferen Grundwasserleiter statt. Dies tritt vor allem im näheren Umkreis von Trinkwasserbrunnen auf, die eine zusätzliche Druckabsenkung im tieferen Grundwasserbereich erzeugen. Bei einem möglichen Schadensfall ist mit folgendem zu rechnen:
Ermittlung der Nutzungscharakteristik
Der Standort weist aufgrund seiner Lage und der Untergrundverhältnisse ein nicht unerhebliches Gefährdungspotential auf. Dies ergibt sich vor allem aus der Möglichkeit der Verunreinigung auch tieferer Grundwasserbereiche.
Falls kein günstigerer Alternativstandort zur Verfügung steht, kann allerdings durch intensive Vorerkundungen und besondere bauliche Anforderungen bei gleichzeitiger Installation zusätzlicher Kontrolleinrichtungen unter Umständen eine Verminderung der aktuellen Gefährdung erreicht werden.
Infolge der Lage maßgebender Grundwassergewinnungsanlagen zur Trinkwasserversorgung im Unterstrom des Standortes, ist auf jeden Fall auch bei der Nutzungscharakteristik eine hohe Bewertungsziffer (Tab. 9) von zugrundezulegen. Damit ist eine sehr hohe Nutzungsempfindlichkeit gegeben. Sie kann nur durch die große Entfernung zum Standort und die geringen Grundwasserfließgeschwindigkeiten im Gesamtbereich etwas relativiert werden.
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