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Wissenschaftliche Stellungnahme zu der Berufskrankheit Nr. 1302 der Anlage 1 zur Berufskrankheiten-Verordnung
"Erkrankungen durch Halogenkohlenwasserstoffe"
Erkrankungen durch Polychlorierte Biphenyle - Allgemeiner Teil
Vom 1. Februar 2018
(GMBl. Nr. 12/13 vom 06.04.2018 S. 223)
Zur Übersicht in Anlage 1 der BKV siehe = >
Zum Merkblatt 1302 siehe =>
- Bek. d. BMAS v. 1.2.2018 - IVa 4-45222 - 1302 -
Der Ärztliche Sachverständigenbeirat "Berufskrankheiten" beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat am 30. November 2017 die nachstehende wissenschaftliche Stellungnahme zu der Berufskrankheit Nr. 1302 der Anlage 1 zur Berufskrankheiten-Verordnung beschlossen:
Allgemeiner Teil
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu gesundheitlichen Auswirkungen polychlorierter Biphenyle (PCBs) werden in mehreren wissenschaftlichen Stellungnahmen zielorganbezogen behandelt. Im nachfolgenden "Allgemeinen Teil" werden die grundlegenden Erkenntnisse zur Charakteristik, zum Vorkommen und zu den Gefahrenquellen der PCBs sowie zur Aufnahme, Ausscheidung und zum Stoffwechsel beim Menschen abgehandelt.
1. Charakteristik der ursächlich schädigenden Einwirkung
PCBs wurden erstmals 1881 durch Chlorieren von Biphenyl synthetisiert und seit 1929 industriell produziert. Bei der chemischen Synthese entstehen dabei immer Stoffgemische, die aus theoretisch bis zu 209 unterschiedlichen PCB-Kongeneren bestehen können, die sich in Anzahl und Stellung
der Chloratome im Molekül unterscheiden (siehe Abbildung 1). In der Regel entstehen bei der technischen Herstellung ca. 130 - 140 unterschiedliche Kongenere. Je nach Chlorierungsgrad sind PCBs helle und viskose Flüssigkeiten, die sich vor allem durch eine hohe thermische Stabilität und niedrige Dielektrizitätskonstanten auszeichnen [1].
Abbildung 1: Allgemeine Strukturformel der Polychlorierten Biphenyle
Die Kongeneren-Zusammensetzung einiger handelsüblicher PCB-Gemische ist in der Literatur veröffentlicht [2].
Allgemein wurde der Chlorierungsgrad des Gemisches in den Handelsnamen codiert mit angegeben (z.B. Arochlor 1248 = 48 Gew. % Chlor; Clophen a - 6 Chloratome pro Molekül) [3]. Die einzelnen Kongenere wurden zur Vereinfachung der Nomenklatur durchnummeriert nach Ballschmiter, dabei steigt der Chloranteil mit der Nummerierung an (z.B. PCB 1 = 2-Chlor-Biphenyl bis PCB 209 = Decachlor-Biphenyl) [4].
Aus analytischen und praktischen Gründen wird bei der Analytik von PCBs in der Regel auf sechs sogenannte "Indikator-Kongenere" zurückgegriffen. Diese Indikatorkongenere reflektieren zum einen die unterschiedlichen physikalisch-chemischen Eigenschaften der Kongenere, zum anderen sind diese auch zu einem relativ großen Anteil in den technischen Gemischen enthalten. Somit werden diese sechs Indikator-PCBs als repräsentativ für den Gesamt-PCB-Anteil in einer Probe angesehen. Die physikalisch-chemischen Daten dieser Indikator-Kongenere sind in Tabelle 1 zusammengefasst.
Vereinfachend lässt sich zusammenfassen, dass PCBs äußerst lipophil sind und nur eine extrem geringe Wasserlöslichkeit aufweisen. Die fettlöslichen Eigenschaften steigen dabei mit dem Chlorierungsgrad an, während Dampfdruck und Wasserlöslichkeit mit steigendem Chlorgehalt im Molekül sinken.
Tabelle 1: Physikalisch-Chemische Eigenschaften der Indikator-PCBs.
| Ballschmiter- Nummer |
IUPAC- Bezeichnung |
CAS-Nummer | Molgew. (g/ Mol) |
Wasserlöslichkeit bei 25° C [5] (mg/l) |
Dampfdruck [6] (atm) |
| PCB 28 | 2,4,4"-Trichlorbiphenyl | 7012-37-5 | 257,5 | 0,085-0,266 | 1,5 * 10-7 |
| PCB 52 | 2,2",5,5"-Tetrachlorbiphenyl | 35693-99-3 | 292,0 | 0,006-0,046 | 8,9 * 10-7 |
| PCB 101 | 2,2",4,5,5"-Pentachlorbiphenyl | 37680-73-2 | 326,4 | 0,0042-0,031 | 1,4 * 10-8 |
| PCB 138 | 2,2",3,4,4",5"-Hexachlorbiphenyl | 35065-28-2 | 360,9 | k.A. | 1,5 * 10-9 |
| PCB 153 | 2,2",4,4",5,5"-Hexachlorbiphenyl | 35065-27-1 | 360,9 | 0,0011-0,0099 | 2,5 * 10-9 |
| PCB 180 | 2,2",3,4,4",5,5"-Heptachlorbiphenyl | 35065-29-3 | 395,3 | k.A. | 0,3 * 10-9 |
Die hohe Fettlöslichkeit in Verbindung mit einer hohen Stabilität und einer damit verbundenen geringen (mikrobiellen) Abbaurate führte zu einer Anreicherung vor allem der höherchlorierten PCBs in allen Umweltkompartimenten. Da PCBs kaum verstoffwechselt werden können, reichern sie sich in fetthaltigen Geweben an und erreichen über die Nahrungskette schließlich den Menschen.
Für die toxikologische Bewertung von PCBs sind speziell die sogenannten "dioxin-ähnlichen" Kongenere von Bedeutung. Da bei diesen zwölf Kongeneren keines oder nur ein Chloratom in ortho-Position der Biphenyl-Brücke vorhanden ist, können diese Kongenere auf molekularer Ebene eine planare Anordnung annehmen und so Wirkungen entfalten, die aus toxikologischer Sicht denen der Tetrachlordibenzodioxine (TCDDs) ähnlich sind. Genaueres zur Toxizität findet sich in den einzelnen krankheitsbezogenen Kapiteln.
(Stand: 16.06.2018)
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