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Wissenschaftliche Stellungnahme zur der Berufskrankheit Nr. 1302 der Anlage 1 zur Berufskrankheiten-Verordnung
"Erkrankungen durch Halogenkohlenwasserstoffe"
Erkrankungen durch Polychlorierte Biphenyle - Nicht-maligne Hautveränderungen
Vom 1. Februar 2018
(GMBl Nr. 12/13 vom 06.04.2018 S. 229)
- Bek. d. BMAS v. 1.2.2018 - IVa 4-45222 - 1302 -
Zur Übersicht in Anlage 1 der BKV siehe = >
Zum Merkblatt 1302 siehe =>
Der Ärztliche Sachverständigenbeirat "Berufskrankheiten" beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat am 30. November 2017 die nachstehende wissenschaftliche Stellungnahme zu der Berufskrankheit Nr. 1302 der Anlage 1 zur Berufskrankheiten-Verordnung beschlossen:
Hinsichtlich der wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Charakteristik, zum Vorkommen und zu den Gefahrenquellen der polychlorierten Biphenyle (PCBs) sowie zur Aufnahme, Ausscheidung und zum Stoffwechsel beim Menschen wird auf die wissenschaftliche Stellungnahme des Ärztlichen Sachverständigenbeirats "Berufskrankheiten" vom 1. Februar 2018 GMBl 2018, S. 223 verwiesen.
1. Krankheitsbilder
1.1 Sogenannte "Chlorakne"
Bei der sogenannten "Chlorakne" handelt es sich um Akne ähnliche Läsionen der Haut. Die Chlorakne ist eines der offensichtlichsten Zeichen eines systemischen Kontakts mit Substanzen wie Dioxinen oder anderen Stoffen mit chlorakne genem Potential in höherer Dosis. Die Kontamination mit den auslösenden Substanzen kann entweder oral, inhalativ oder über dermale Absorption erfolgen.
Bei einer akuten Belastung mit chloraknegenen Stoffen entsteht zuerst ein Erythem, wonach sich die typischen geschlossenen oder offenen Komedonen bilden. Das klinische Bild ist weiterhin charakterisiert durch die Erscheinung von Zysten und ein wenig Pusteln. Im Gegensatz zur Akne vulgaris oder Akne conglobata (die schwerste hochentzündliche Form der Akne) ist kaum eine Inflammation der Hautläsionen bei der Chlorakne vorhanden. Außerdem sind die Talgdrüsen nicht hypertroph und sogar manchmal nicht mehr vorhanden wodurch, im Gegensatz zur Akne vulgaris oder conglobata, eine trockene Haut entsteht. Die Chlorakne kann das gesamte Integument umfassen, bevorzugt sind die Malarregion (Wange) und retroauriculär sowie die Extremitäten mit Aussparung der Handflächen und Fußsohlen. In der frühen Belastungsphase erscheinen die Hautveränderungen meistens im Gesicht und Nacken und in der späten Phase an den Extremitäten, Stamm und Genitalien.
Histopathologisch zeigt sich initial eine völlige Entdifferenzierung der Talgdrüsen und Verhornung im Bereich der Talgdrüsenausführungsgänge und Follikelinfundibilaepithelien. Ob eine kontaminierte Person eine Chlorakne entwickelt, ist abhängig von der Expositionsdosis, dem chloraknegenem Potential der Substanzen sowie von der individuellen Empfindlichkeit der Exponierten für diese Substanzen (Personen mit heller Haut sollen möglicherweise empfindlicher sein). Eine Chlorakne kann auch auftreten, wenn in der Jugend keine Akne vulgaris bestand.
In Abhängigkeit der Dosis der chlororganischen Verbindung ist ein lebenslanger protrahierter Verlauf infolge der langen Halbwertszeit möglich [11].
1.2 Hyperpigmentierungen
Hyperpigmentierungen sind charakterisiert durch eine vermehrte Pigmentierung der Haut. Ursächlich hierfür können genetische Faktoren, entzündliche Hautkrankheiten, Sonnenexposition, Medikamente, Kosmetika, Erkrankungen der inneren Organe, z.B. der Leber, oder ein Kontakt mit aromatischen Kohlenwasserstoffen, wie Dioxinen oder PCBs sein.
Eine Hyperpigmentierung kann nach direktem Kontakt mit Dioxinen oder PCBs entstehen (am ehesten im Rahmen einer Kontaktdermatitis).
Bei systemischem Kontakt führen die aromatischen Kohlenwasserstoffe über eine Aktivierung des Ah-Rezeptors zu einer Stimulation der Melanogenese in den Melanozyten.
Hyperpigmentierungen sind nach Chlorakne die meist beschriebenen Hautveränderungen nach Kontakt mit PCBs oder chlorierten Dioxinen und Furanen [6].
2. Wirkmechanismen
Verschiedene Theorien zum Wirkmechanismus von PCB auf die Haut werden unterschieden. Bei der Entstehung der Hyperpigmentierung wird ein systemischer Effekt durch Triggerung der Melaninsynthese und eine direkte, lokale Einwirkung von PCB auf die Haut (Prädilektion an Stellen mit direktem Hautkontakt, Entzündung, Abheilung mit Hyperpigmentierung) unterschieden. Tierexperimentelle Studien haben gezeigt, dass die biologischen Effekte der dioxin-ähnlichen PCBs teilweise auf eine Bindung an den Aryl-Hydrocarbonrezeptor zurückzuführen sind (AHR). Der AHR ist ein Transkriptionsfaktor, welcher nach Ligandenbindung durch spezifische DNA-Bindung die nukleäre Transkription aktiviert. Betroffene Gene sind die CYP1-Familie des Cytochrom P450-Komplexes (CYP1A1, CYP1A2 und CYP1B1 und die Matrix-Metalloproteasen (MMP). Sewall et al. konnten zeigen, dass die Quantifizierung der AHR-Regulation und der aktivierten Gene ein Instrument zur Messung der Ligandenbindung, wie z.B. für Dioxin-ähnliche Substanzen, darstellt [1]. Kim et al. konnten in diesem Zusammenhang eine Ausschüttung von Interleukinen über eine Aktivierung des AHR-Rezeptors durch PCB und damit einen Einfluss auf inflammatorische Hauterkrankungen wie Psoriasis und atopischer Dermatitis nachweisen [2].
(Stand: 16.06.2018)
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