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Regelwerk, Arbeitsschutz; Arbeits- und Sozialrecht

Wissenschaftliche Stellungnahme zu der Berufskrankheit Nr. 4112 der Anlage 1 zur Berufskrankheiten-Verordnung
"Lungenkrebs durch die Einwirkung von kristallinem Siliziumdioxid (SiO2) bei nachgewiesener Quarzstaublungenerkrankung (Silikose oder Siliko-Tuberkulose)"

Vom 5. Oktober 2015
GMBl Nr. 61 vom 12.11.2015 S. 1199)



- Bek. d. BMAS v. 5.10.2015 - IVa 4-45222-4112 -

Zur Übersicht in Anlage 1 der BKV siehe = >
Zum Merkblatt 4112 siehe =
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Der Ärztliche Sachverständigenbeirat "Berufskrankheiten" beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat am 23. Juni 2015 folgende wissenschaftliche Stellungnahme zu der genannten Berufskrankheit beschlossen:

Nach der wissenschaftlichen Empfehlung (BMa 2001) und nach dem Merkblatt (BMa 2002) sind Steinkohlenbergleute von der Berufskrankheit Nr. 4112 ausgenommen. Der Ärztliche Sachverständigenbeirat stellt hierzu Folgendes fest:

Diese Aussage entspricht nicht mehr dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft. Die nach § 9 SGB VII erforderlichen medizinischwissenschaftlichen Erkenntnisse für die Anerkennung von Lungenkrebs in Verbindung mit Silikose bei Steinkohlenbergleuten liegen inzwischen vor. Die Begründung lautet wie folgt:

1. Einleitung

Quarzstaub (SiO2) wurde 1997 von der IARC als gesichertes humanes Kanzerogen (IARC 1997) und 1999 entsprechend von der Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft in die "Kategorie 1" der krebserzeugenden Arbeitsstoffe eingestuft (Deutsche Forschungsgemeinschaft 2012; Greim 1999).

Nach der wissenschaftlichen Begründung der Berufskrankheit (BK) Nr. 4112 "Lungenkrebs durch die Einwirkung von kristallinem Siliziumdioxid (SiO2) bei nachgewiesener Steinstaublungenerkrankung (Silikose oder Siliko-Tuberkulose)" aus dem Jahr 2001 (BMa 2001) sowie dem dazugehörigen Merkblatt (BMa 2002) werden jedoch Steinkohlenbergleute derzeit von dieser Berufskrankheit ausgenommen.

Als Grund für den Ausschluss dieser beruflichen Gruppe wurde die damalige inkonsistente Studienlage bezüglich des Lungenkrebsrisikos in dieser Berufsgruppe angeführt. Zudem standen zu diesem Zeitpunkt weitere Ergebnisse aus laufenden relevanten Untersuchungen noch aus (Greim 1999).

Auf Basis des damaligen Kenntnisstandes wurde angeführt, dass im Steinkohlenbergbau ebenfalls eine Exposition gegenüber kristallinem Siliziumdioxid (SiO2) auftritt und in diesem Kontext Quarzstaublungenerkrankungen zu beobachten sind. Der mineralische Anteil, so auch Quarz, differiert in der Kohle und im Taubgestein in den verschiedenen Lagerstätten, aber auch in den einzelnen Kohleflözen (Greim 1998).

Es wurde nunmehr unter Berücksichtigung insbesondere der neueren Literatur geprüft, ob das Risiko an Lungenkrebs zu erkranken unter Steinkohlenbergleuten, welche bereits an einer CWP (coalworkers' pneumoconiosis - Bergarbeiter-Pneumokoniose) leiden, erhöht ist und somit der bisher geltende Ausschluss dieser Berufsgruppe aus der BK Nr. 4112 nunmehr aufgehoben werden sollte.

Die vorliegende Literaturbewertung stellt einen Überblick über den aktuellen epidemiologischen Kenntnisstand zum Lungenkrebsrisiko von Bergleuten mit bestehender CWP aus dem untertägigen Steinkohlenbergbau dar.

2. Methodik

Aufbauend auf den Ergebnissen der IARC 1997 (IARC 1997) und der MAK-Kommission 1998 (Greim 1998) erfolgte eine neue Literaturrecherche in PubMed, welche sich auf den Zeitraum bis zum Jahresende 2014 erstreckte.

Die Referenzlisten der durch die PubMed-Suche identifizierten Artikel wurden nach zusätzlichen relevanten Publikationen durchsucht. Das Ergebnis des Selektionsprozesses erbrachte insgesamt sechs relevante Studienpopulationen mit Angaben von geeigneten Risikoschätzern, wie das Standardisierte Mortalitäts-Verhältnis (SMR) oder das Standardisierte Inzidenz-Verhältnis (SIR). Alle selektierten Studien sind vom Studientyp her retrospektive Kohortenstudien. Es erfolgte zuerst eine separate Bewertung von inzidenzbasierten und mortalitätsbasierten Studien. Sofern es mehrere Publikationen zu einer Kohorte gab, wurde jeweils die jüngste Publikation berücksichtigt, sofern sie die erforderlichen Angaben enthielt.

Bei den mortalitätsbasierten Kohortenstudien ist zu beachten, dass die Analyse von vorerkrankten Berufs-Kohorten mit den üblichen statistischen Verfahren zur Risikoschätzung mittels SMR zu Verzerrungen führen, da sich die Exzess-Mortalität bezüglich der Vorerkrankung - hier die CWP - nicht in den populationsbezogenen Referenzraten widerspiegelt. Um diesen Bias zu reduzieren und somit eine realistischere Risikoabschätzung zu erhalten, werden die Risikoschätzer aus diesen Kohortenstudien entsprechend adjustiert (Möhner 2015).

Die Literaturrecherche ergab keine Fall-Kontroll-Studien zu der zu untersuchenden Fragestellung, was durch deren Spezifik, d. h. insbesondere durch das Vorhandensein der CWP als Vorerkrankung bedingt war.

3. Ergebnisse

3.1 Inzidenzbasierte Kohortenstudien

Nach Erstellung der wissenschaftlichen Begründung für die BK 4112 sind erstmals Ergebnisse von Kohortenstudien unter Steinkohlenbergleuten publiziert worden, in welchen als Zielgröße die Lungenkrebs-Inzidenz verwendet wurde: Morfeld et al. und Tomaskova et al. (Morfeld et al. 2005; Tomaskova et al. 2012).

In der Kohortenstudie betrachten Morfeld et al. (Morfeld et al. 2005) die Krebsmorbidität eines Kollektivs von 4.261 saarländischen Steinkohlenbergleuten. Im Vergleich zur saarländischen Bevölkerung zeigt sich unter saarländischen Steinkohlenbergleuten mit einer CWP>

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