Für einen individuellen Ausdruck passen Sie bitte die
Einstellungen in der Druckvorschau Ihres Browsers an.
Regelwerk; Arbeitsschutz

Empfehlung des Ärztlichen Sachverständigenbeirats "Berufskrankheiten" - Koxarthrose durch Lastenhandhabung -
Berufskrankheiten-Verordnung

Vom 25. März 2020
(GMBl. Nr. 11 vom 25.03.2020 S. 218)


- Bek. d. BMAS v. - IVa 4452262 - Koxarthrose -

Der Ärztliche Sachverständigenbeirat "Berufskrankheiten" beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat am 18. September 2019 empfohlen, in die Anlage 1 der Berufskrankheiten-Verordnung folgende neue Berufskrankheit aufzunehmen:

"Koxarthrose durch Lastenhandhabung mit einer kumulativen Dosis von mindestens 9.500 Tonnen während des Arbeitslebens gehandhabter Lasten mit einem Lastgewicht von mindestens 20 kg, die mindestens zehnmal pro Tag gehandhabt wurden"

Die hierzu vom Ärztlichen Sachverständigenbeirat erarbeitete wissenschaftliche Begründung lautet wie folgt:

1. Gefahrenquellen

Als gefährdend im Sinne dieser Berufskrankheit gelten Lastenhandhabungen in Form des Hebens oder Tragens von Lasten mit einem Lastgewicht von mindestens 20 kg. Solche Belastungen treten nach den Erfahrungen mit der Berufskrankheit Nr. 2108 u. a. in folgenden Berufsgruppen auf: Kranken- und Altenpflegeberufe, Maurer und andere Bauberufe, Bergleute und Steinbrecher, LKW-Fahrer sowie Beschäftigte in der Landwirtschaft (Thiede et al. 2014).

Zur Ableitung der Mindestdosis wird auf Abschnitt 4 verwiesen.

2. Kenntnisse über die Wirkung

2.1 Biomechanische Studien

Nemeth et al. (1984) sowie Nemeth und Ekholm (1985) führten eine biomechanische Studie bei 15 männlichen Probanden durch, die ein Lastgewicht von 12,8 kg beidhändig vom Boden auf Hüfthöhe anhoben, und ermittelten mit einem statischen biomechanischen Modell nach Ableitung des Oberflächenelektromyogramms im Bereich von sieben Hüftmuskeln sowie Erfassung der Bewegung mit Hilfe einer Hochgeschwindigkeitskamera das Drehmoment sowie die Gelenkkraft im Hüftgelenk. Der Hebevorgang wurde einmal mit gebeugtem und einmal mit gestrecktem Kniegelenk durchgeführt. Das Drehmoment im Hüftgelenk erreichte maximal 125 Newtonmeter und die Gelenkkraft im Hüftgelenk das 3,2-fache des Körpergewichts. Das Drehmoment im Hüftgelenk ist beim Heben mit gestreckten Knien höher als beim Heben mit gebeugten Knien. Die Gelenkkraft ist jedoch nahezu gleich hoch.

Bergmann et al. (1997) ermittelten bei sechs männlichen Testpersonen die Höhe der Gelenkkraft im Hüftgelenk beim Tragen von Lasten mit einem Lastgewicht von bis zu 30 kg. Fünf der sechs Testpersonen wiesen normale Hüftgelenke auf. Bei der sechsten Testperson handelte es sich um einen Probanden mit implantierter Totalendoprothese des Hüftgelenkes, die die Messung der Höhe der Gelenkkraft ermöglichte. Die Höhe der Gelenkkraft im Hüftgelenk wurde mit Hilfe eines statischen biomechanischen Modells bei allen sechs Testpersonen berechnet. Ferner wurde bei der sechsten Testperson die berechnete und gemessene Gelenkkraft im Hüftgelenk verglichen. Der Medianwert der maximalen Gelenkkraft beim Gehen, der mit dem statischen biomechanischen Modell ermittelt wurde, lag bei 278 % des Körpergewichtes. Dieser Wert wurde als normal angenommen. Die Gelenkkraft im Hüftgelenk beim Tragen von Lasten wurde in Prozent dieses Normalwertes angegeben. Beim einseitigen Tragen von Lasten kam es zu einem deutlichen Anstieg der Gelenkkraft im kontralateralen Hüftgelenk. Es bestand eine Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen der Höhe des Lastgewichtes und der Gelenkkraft im kontralateralen Hüftgelenk. Die Beziehung war sehr eng (r=0,95, p < 0,001). Bei dem maximal getragenen Lastgewicht von 30 kg kam es zu einer Gelenkkraft im kontralateralen Hüftgelenk von etwa 165% des Normalwertes beim Gehen ohne Tragen einer Last. Beim einseitigen Tragen von Lasten wurde eine leichtgradige Senkung der Gelenkkraft im ipsilateralen Hüftgelenk, d. h. dem Hüftgelenk auf der Seite, auf der die Last einseitig getragen wird, beobachtet. Die Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen der Höhe des Lastgewichtes und der Senkung der Gelenkkraft im ipsilateralen Hüftgelenk war mittelgradig gut (r=-0,57, p < 0,01). Beim Tragen eines Lastgewichts von 30 kg kam es zu einer Senkung der Gelenkkraft im ipsilateralen Hüftgelenk von ca. 8 % im Vergleich zum Gehen ohne Tragen einer Last. Beim bilateralen Tragen, d. h.. dem Tragen der Last mit beiden Händen, kam es zu einer Erhöhung der Gelenkkraft in beiden Hüftgelenken. Es fand sich eine positive Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen der Höhe des beidseits getragenen Lastgewichtes und der Gelenkkraft in beiden Hüftgelenken. Die Beziehung war sehr eng (r=0,95, p < 0,001). Beim bilateralen Tragen einer Last mit einem Lastgewicht von 30 kg kam es zu einer Erhöhung der Gelenkkraft in beiden Hüftgelenken um etwa 30 % im Vergleich zum Gehen ohne Tragen einer Last. Die bei dem sechsten Probanden mit implantierter Totalendoprothese gemessene Gelenkkraft war um etwa 8% höher als die mit dem biomechanischen Modell ermittelte Gelenkkraft. Dies begründen die Autoren damit, dass die gemessene Gelenkkraft besser dynamische Prozesse berücksichtigt als das biomechanische Modell.

umwelt-online - Demo-Version


(Stand: 23.02.2023)

Alle vollständigen Texte in der aktuellen Fassung im Jahresabonnement
Nutzungsgebühr: 90.- € netto (Grundlizenz)

(derzeit ca. 7200 Titel s.Übersicht - keine Unterteilung in Fachbereiche)

Preise & Bestellung

Die Zugangskennung wird kurzfristig übermittelt

? Fragen ?
Abonnentenzugang/Volltextversion